Schlagwort-Archive: Steiermark

Ritschert – oder „Des wahren Gottes koscheres Ambrosia“

Vorwort
Es ist wieder soweit. Ich beginne wieder zu bloggen. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, regelmäßig, den ein oder anderen Beitrag online zu stellen. Im Gepäck habe ich eine ganze Reihe Rezepte aus Tschechien. Das ein oder andere davon will die „Wilde Henne“ ja auch noch verbloggen. Ich beginne wieder mit einem Rezept, das man gut in die Kategorie Seelenfutter einordnen kann. Ein altes, bäuerliches Rezept, das heute noch oft im Süden Österreichs und in Slowenien zubereitet wird. Es ist vielleicht das älteste nachweisbare Gericht, das es auf Erden gibt. Jedenfalls haben Archäologen nachgewiesen, dass es in dieser Art und Weise bereits vor 300 Jahren im Alpenraum gegessen wurde.

Des wahren Gottes koscheres Ambrosia
nannte Heinrich Heine ein Gericht, das unter vielerlei Namen zubereitet wird. Heinrich Heine war es als eines der urtypischsten jüdischen Gerichte bekannt: Tscholent, oder auch Scholet. Es hatte sicher keinen speziellen jüdischen Ursprung, sondern wurde wie vieles in der koscheren Küche, von Gerichten aus verschiedenen Ländern adaptiert.
Mit dem Tscholent lässt sich, ohne die jüdischen Speisegebote zu verletzen, eine wunderbare Mahlzeit für den Schabbat zaubern, an dem ja das Kochen oder Entzünden eines Feuers verboten ist. So kreierten viele jüdische Hausfrauen eine Speise, die man am Vorabend des Schabbats zubereitet und bis zum nächsten Tag mittags auf dem Herd oder im Backofen warm halten kann.
Ich selber lernte dieses Gericht vor vielen Jahrn in der Südsteiermark kennen. Dort heißt es Ritschert. Es hat die gleichen Grundzutaten, nur hier verwendet man geräuchertes Schweinefleisch als Ein- oder Beilage. Das ging in der jüdischen Küche natürlich nicht. Das beste Tscholent, dass ich je gegessen habe, wurde im Restaurant „Carmel“ in Budapest am Klauzál tér serviert. Als Beilage wurde vor fast 30 Jahren gefüllter Gänsehals serviert – eine besondere Leckerei. Gans war ohnehin eine beliebte Ergänzung.

Die Grundzutaten für das Gericht sind Graupen (Rollgerste), Bohnenkerne und Suppengemüse. Ich bevorzuge die groben Graupen, die auch Kälberzähne genannt werden. Im Handel findet man meistens nur feine und extra feine Graupen. In Geschäften mit russischem Angebot werden aber auch die groben Graupen feil geboten. Die Gewürze varieren stark und wie bereits erwähnt, gehört Geselchtes dazu. In Slowenien, wo das Gericht ješprenj heißt, sagt man: Ein Schwein muss hineingetreten haben.
Bereits vor 3000 Jahren gehörte dies Gericht zur Nahrung. Es sind die selben Grundzutaten in Speiseresten, die an einem eisenzeitlichen Kochlöffels hafteten, den Archäologen in Hallein gefunden haben. Aufgrund der Analysen dieser Speisereste kann der Speiseplan der Hallstätter Bergleute sehr gut nachvollzogen werden. Von der mittleren Bronze- bis in die Eisenzeit ernährte man sich offenbar hauptsächlich von einem Gericht, das im Ostalpenraum bis heute überdauert hat: das Ritschert. In der Urgeschichte bestand es aus Saubohnen, Hirse, nicht entspelzter Gerste und „minderwertigem“ Schweinefleisch, also Füße, Schwanz und Kopfteile.

So wie jede Hausfrau ein eigenes Rezept für Ritschert hat, variiert meines natürlich auch. Hier die Zutaten für 4 Personen:
250 g Rollgerste
50 g Dinkel
100 g Wachtelbohnen
1,5 Liter Gemüsesuppe
1 Zwiebel
2 Zehen Knoblauch
2 Karotten (groß)
100 g Sellerie
100 g Petersilwurzel
50 g Porree
Salz & Pfeffer
1 Bund frische Petersilie fein gehackt

Manchemal gebe ich auch Pilze dazu. Getrocknete oder auch frische Pilze – Champignongs oder Steinpilze, vorher kurz angebraten, harmonieren sehr gut mit den anderen Zutaten.

Dazu: Entenschlegel, Gänsekeulen, etc.

Zubereitung:
Die Entenschlegel oder die Gänsekeulen werden mit Salz und Pfeffer eingerieben und im Niedriggarverfahren zubereitet. Das mache ich in einer großen Gusseisenkasselrolle. Wenn sie fast gar sind, nehme ich sie heraus und lege sie auf einem Rost über das Ritschert, das die letzte halbe Stunde im Backofen gart. Ich weiß, dass das Fett, welches nun noch in das Ritschert tropft, ernährungswissenschaftlich nicht so gut kommt, aber es ist unglaublich lecker.

Am Vorabend weiche ich die Wachtelbohnen ein und lasse alles über Nacht stehen. Kurz vor der Verwendung gieße ich das Einweichwasser ab. Für das Ritschert würfel ich das Suppengemüse. Den Porree schneide in ich Ringe und stelle ihn zurück. Das gewürfelte Suppengemüse brate ich in Entenschmalz an und wenn es Farbe angenommen hat, gebe ich die Bohnen, die Rollgerste und den Dinkel dazu. Der Dinkel gibt dem Gericht später eine bessere Struktur. Jetzt gieße ich mit der Gemüsebrühe an und lasse die Gerste langsam bei niedrigster Hitze ausquellen. Das dauert je nach Graupenart bis zu 2 Stunden.
30 Minuten vor dem Garpunkt, man hat eine große Zeitspanne, denn das Ritschert wird durch längeres Garen nicht schlechter, sondern eher besser im Geschmack, gebe ich die Porreeringe dazu, fülle alles in eine gusseiserne Bratform um, lege darauf ein Kuchengitter und wie bereits erwähnt, darauf die Enten- oder Gänsekeulen. Jetzt gart es im heißen Backofen noch einmal nach.
Nun ist es fertig. Mein Ritschert hat eine feste, einem Risotto ähnliche Konsistenz. Darum heißt es auch in der feineren Küche „Gerstotto“. So fest muss es aber nicht sein, sonder kann, je nach Geschmack, bis zu suppig serviert werden.

Share on Facebook

Klachelsuppe

Schwelt der November rauhreifgrau,
stich Bauer ab, die Wurzelsau.
Den Kessel heiz, die Pfannen richt,
mit Korn den Metzger bläue nicht.
Damit er in der Dunkelheit,
den Finger nicht ins Hackfleisch schneid.

So heißt es im Liede, doch manche Sau kommt schon im Oktober unters Messer und bei Fahrten durch die herbstlichen Lande sieht man die Hinweisschilder an den Gasthäuser: Schlachtplatte.
So Schlachtplatten sind je nach Region recht unterschiedlich. Eine Besonderheit gibt es in der Steiermark. Dort wird an Schlachttagen eine „Klachelsuppe“ serviert. Man kann sie mit Kartoffeln (Erdäpfel) oder mit gebähtem Brot servieren. In der Südost-Steiermark wird das Nationalgericht der Steirer, der Heidensterz dazu serviert. das Rezept ist bestimmt nicht jedermanns Sache, sowie das bei Schlachttagen auch mit anderen Köstlichkeiten ist.
klachelsuppe
Für die Suppe kann man die hintere Schweinshaxe nehmen und diese in Scheiben sägen lassen. Ebenso gut gehen aber auch Schweinsfüße, die in der Mitte gespalten sind. Dazu gehört viel Suppengrün und Gewürze.
Alles zusammen wird lange gekocht.

Zutaten:
1000 g Schweinshaxe oder Pfötchen (Klacheln)
viel Suppengemüse (Möhren, Sellerie und Lauch)
Schweineschwarten
1 Zwiebel
1 1/2 l Wasser
1 Lorbeerblatt
2 Nelken
Wacholder und Pfefferkörner (nach Geschmack)
Majoran
Kümmel
40 g Mehl
40 g Fett
1 Glas herber Weißwein
Salz und Pfeffer

Zubereitung:
Die geteilten Klacheln mit dem Suppengemüse, der Zwiebel, die in Scheiben geschnitten wird, den Schwarten und den Gewürzen weich kochen. Das kann lange dauern.
Dann vorsichtig die Klacheln herausnehmen. Sie sollen weich sein aber nicht zerfallen , damit man sorgsam die Knöchlein auslösen kann. Das ausgelöste Fleisch wird klein geschnitten und zur Seite gestellt.
Ich püriere die Suppe leicht an, damit das Suppengemüse eine sämige Konstanz gibt.
Aus dem Fett und dem Mehl eine Einbrenne zubereiten und in der Suppe verstrudeln.
Jetzt kommt wieder das Fleisch hinzu und alles mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Vor dem Servieren gebe ich ein Glas Wein zur Suppe. Das Originalrezept sagt Essig, aber ich schätze darin ein Glas Schilcher oder besser noch einen Uhudler, von dem ich noch einen passenden Rest in der Flasche hatte.

Share on Facebook

Löwenzahnsalat – heute auf steirische Art

Mit dem ersten Löwenzahnsalat beginnt der Frühling. Man sticht die jungen „Röhrl“ an Waldrändern und auf Frühlingswiesen. Es ist ein der Gesundheit sehr zuträgliches Gemüse.
Geputzt und gut gewaschen bilden die jungen Triebe des Löwenzahn die Grundlage. Dazu kommen kleine Kartoffelwürfel, die kurz blanchiert mit wenig Speck in heißem Butterfett angeröstet und zum Salat gegeben werden. Der goldgelbe Speck bleibt natürlich dabei. Dazu rösten wir kurz einige Kürbiskerne und ebenfalls wenige Brotcroutons mit an.
loewenzahnsalat_03
Zutaten – Menge je nach Personenzahl
Löwenzahn, die ganz jungen Blättchen, gewaschen und gereinigt
Kartoffeln, festkochend
Butterschmalz
Bratspeck (Bacon)
Brotwürfel aus Vollkornbrot (sehr klein)
Kürbiskerne
Rapsöl
Apfelessig (oder ein sonstiger fruchtiger Essig)
Kürbiskernöl

Zubereitung
Zuerst muss der Löwenzahn verlesen und geputzt werden, was die meiste Arbeit ausmacht. Nur die ganz jungen Triebe sollte man nehmen.
Das Dressing machen wir aus Apfelessig, sehr wenig (1/2 TL) Raps- oder Sonnenblumenöl und Salz und Pfeffer. Gut gemischt kann er so vorbereitet werden, ist aber noch nicht fertig, denn am Tisch geben wir je nach Geschmack echtes „steirisches Kernöl“ darüber.
sued_kuerbis_726_wieser_110
Kaltgepresstes Kürbiskernöl hat eine grünliche Färbung, Heißgepresstes dagegen eher eine rötlich fluoreszierende. Der Geruch des Öls wird als intensiv nussig, grün, krautig, röstig und mild würzig beschrieben. Geschmacklich ist Kürbiskernöl nussartig, hocharomatisch und mit intensivem Eigengeschmack. Das echte steirische Kernöl hat eine Bandrole mit der Aufschrift: geschützte geografische Angabe. Ob Ihr echtes Kürbiskernöl bekommen habt, könnt ihr sehr leicht selber ausprobieren: Einen Tropfen Kernöl auf einen weißen Teller fallen lassen und dabei beobachten, wie sich der Tropfen verhält. Bei reinem Kürbiskernöl aus Erstpressung hält die Ädhäsion die Flüssigkeit zusammen, ist das Kernöl jedoch mit anderen Ölen verschnitten, so läuft der Tropfen auseinander.
Die Kartoffeln werden in ca 0,5 cm große Würfel geschnitten und kross in heißem Butterschmalz gebraten. Wenn sie eine Kruste haben, geben wir den feingeschnittenen Bratspeck dazu, dann die Brotwürfel und die Kürbiskerne. Wenn die Brotwürfel eine Kruste bekommen ist diese Zutat aus der Pfanne fertig und wir vermischen alles mit dem Löwenzahn und geben es in das oben genannte Dressing. Gut untermischen! Am Tisch wird je nach Gusto mit Kürbiskernöl ergänzt.
loewenzahn_01
Anmerkung

Share on Facebook

Heidensterz, Kukuruz und Tommerl – 2. Teil Schwammerlsuppe mit Heidensterz

A Müllisuppen und a Sterz is wos für mei Herz. – Das ist der Untertitel des Blogs heidensterz.com. Eine junge Künstlerin aus der Steiermark stellt sich hier vor. Sie scheint eng mit der heimischen Küche verwachsen zu sein, denn ihre zweite Internetpräsentation heißt „Powidl & Holunder“, zwei nicht minder wichtigen Bestandteile der steirischen Küche. Heidensterz, fast in Vergessenheit geraten ist plötzlich wieder „in“.

buchweizenHeiden, das ist Buchweizen und galt lange Zeit als exotisches Getreide, als engbegrenzte Spezialität der slowenischen, südsteirischen und osttiroler Küche. Eigentlich ist der Buchweizen keine Getreideart, sondern gehört zur Familie der Knöterichgewächse und hat seinen Namen von den bucheckerförmigen Früchten der Pflanze.
Schon im 15. Jahrhundert pflanzten Bäuerinnen und Bauern in Alpentälern Buchweizen. Menschen nannten ihn Hadn, Heiden, Heda, Schwarzplenten, Pohánka und Ajda, was in Slowenien zugleich ein Mädchenname ist. Er kam zu Mittag auf den Tisch. Morgens gab es ein „Mus“ aus Buchweizen und abends Suppe mit Buchweizen als Einlage. Im 19. Jahrhundert aß ein Osttiroler noch rund 22 kg Buchweizen pro Jahr. Buchweizen wurde Anfang Juli nach der Roggenernte gesät. Die Aussaat drei Tage vor bzw. nach „Alexius“ (17. Juli) galt als optimal. Zu „Laurentius“ (10. August) blühten die Pflanzen; die Ernte erfolgte Anfang Oktober. Der Ertrag von rund zwei Hektar Buchweizen reichte im Durchschnitt für vier Erwachsene und vier Kinder ein Jahr lang. Die Nüsse wurden am Hof mit einer Schrotmühle gemahlen. Das Mehl wurde anschließend gesiebt, der Abfall verfüttert. Manchmal ließ der Bauer die Nüsse beim Müller mahlen. Man frühstückte „Hadnsterz“ mit warmer Milch. Der „Sterz“ kam auch mit Schweineschmalz „abgeschmalzen“ und „Grammeln“ (Speckgrieben) auf den Tisch. Als Zuspeise gab es saure Milch. Diese deftige Speise sättigte bis Mittag. Es gab auch „Hadenwickel“ oder „Povitjane“ im „windischen“ Dialekt und an Festtagen wurde eine Buchweizentorte gebacken. „Hadnbrot“ aus Mehl, Wasser, Germ und Salz wurde im Rohr gebacken.
Als neue Roggensorten gezüchtet wurden, die später reiften, war kein Platz mehr für den Buchweizen und die Buchweizengerichte verschwanden von den Speiseplänen. Doch den Heidensterz fand man immer wieder auf Speisekarten, meist als Einlage in Schwammerlsuppen oder auch Rinds- oder Klachlsuppen. Gestern gab es bei mir eben diese Schwammerlsuppe mit Heidensterz.
schwammerlsuppe-mit-sterz
Zutaten
Für die Suppe braucht man Eierschwammerl und/oder Steinpilze, die es aber zu dieser Jahreszeit nicht gibt. So nehme ich ersatzweise braune Champignons und einige getrocknete und eingeweichte Steinpilze.
1 Zwiebel
1 Knoblauchzehe
1 Möhre
1 Petersilienwurzel
1 Stück Lauch
30 g Butter
30 g Mehl
3/4 L Suppe
Sahne
Muskatnuss
Salz und Pfeffer
Petersilie

Heidensterz
1 L Wasser
2 TL Salz
1/4 kg Heidenmehl (Buchweizenmehl)
100 g Speckwürfel oder Grammeln

Zubereitung
Die Suppe

Steinpilze einweichen.
Butter auslassen und das feinst gewürfelte Gemüse darin anziehen lassen. Die feinblättrig geschnittenen Pilze dazugeben und mit rösten. Schließlich auch die eingeweichten Steinpilze dazugeben. Die Küche ist sofort mit einem angenehmen Pilzgeruch erfüllt. Mit Brühe aufgießen und langsam gar köcheln lassen. Vor dem Servieren mit etwas Mehl und Sahne binden und frische feingeschnittene Petersilie dazugeben.

Der Heidensterz
Salzwasser in einem schmalen, hohen Topf aufkochen, Heidenmehl in einem Schwung dazugeben, mit einem Holzkochlöffel formen, bis ein großer Klumpen entsteht. Die Masse bei kleiner Hitze zugedeckt 20 Minuten quellen lassen. Restliches Kochwasser abgießen und auffangen. Den Sterzklumpen mit einer Gabel zerteilen. Eventuell ein wenig Kochwasser zugießen und die Masse mit der Gabel auflockern, so dass gleichmäßige Klümpchen entstehen. Schmalz erhitzen, Speck oder Grammeln darin knusprig braten und den Sterz damit abschmalzen. Der Sterz kommt nun löffelweise auf die Suppe.

Share on Facebook