Filets von der Flunder auf mediterraner Gemüsesauce

In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts – noch in der Nachkriegszeit – kamen immer mal wieder Flundern auf den Tisch. Obwohl 2017 die Flunder als Fisch des Jahres ausgewiesen wurde, ist sie heute kaum noch als Speisefisch auf den Tellern. Sie ist kleiner als ihre nahe Verwandte die Scholle und wird oft als Beifang zurück ins Meer geworfen. Das ist nicht gut, denn viel Beifang verendet dann im Meer.

In ganz alten Zeiten wurde die Flunder nicht nur in den Küstengewässern der Nord- und Ostsee gefangen, sondern auch in Flüssen geangelt. Damals schwamm die Flunder noch vom Meer flussaufwärts, was heute durch die vielen Wehre unmöglich ist.

Als Kinder haben wir oft ein Lied von der Liebe zwischen einem Hering und einer Flunder gesungen:

In einen Harung jung und schlank
Zwo, drei, vier, sit, tata, tirallala
Der auf dem Meeresgrunde schwamm
Zwo, drei, vier, sit, tata, tirallala
Verliebte sich o Wunder
‚Ne olle Flunder, ’ne olle Flunder
Verliebte sich o Wunder
‚Ne olle Flunder.

So eine alte Flunder ist nun einmal keine Schönheit und hat dann auch wenig Chancen, vom Hering erhört zu werden. Doch die Flunder im Lied, findet auf dem Meeresgrund ein Goldstück und wurde dadurch auch begehrenswert.

Eben drum, weil sie keine Schönheit ist und eine rauere Haut mit Flecken wie Rost hat, habe ich die beiden Exemplare, die ich hatte, filetiert. Man kann natürlich die Haut mitessen, aber das ist nicht jedermanns Sache. Hinzu kommt, dass die Flunder ein festes Fleisch hat und nicht so leicht zerfällt.

In meiner Kindheit kannte ich die Flunder nur im Ganzen gebraten mit Speckwürfeln nach Finkenwerder Art oder bei besonderer Gelegenheit mit Krabben. Das hieß dann nach Büsumer Art.

Diesmal wollte ich den Fisch mit einer mediterranen Gemüsesauce zubereiten. Und es sollte schnell gehen, da ich keine Lust hatte, bei der Sommerhitze in der Küche zu stehen. Dafür habe ich auf Konvenienz Produkte zurückgegriffen, die für solche Tage ich immer auf Vorrat habe. Ich möchte darauf hinweisen, dass dies Rezept keine honorierte Werbung ist, sondern ich erwähne den Hersteller, weil ich von der Qualität überzeugt bin. Die Datterini genannten kleinen, länglichen Tomaten zeichnen sich durch eine herrliche Süße und fleischige Textur aus.

Zutaten für zwei Personen:
2 Flundern filetiert (das Filetieren übernimmt der Fischhändler gerne für ungeübte Köchin(e)n)
1 Zitrone
1 Ei mit etwas Milch verquirlt
Salz und Pfeffer
Mehl
Öl zum Braten

1 kleine Zwiebel gewürfelt (bevorzugt: eine rosa Roscoff-Zwiebel)
1 Knoblauchzehe gewürfelt
1 kleine Dose Datterini von Mutti
1 Bouquet garni (oder zwei, drei Zweige Thymian, 1 Lorbeerblatt, 1 Zweig Rosmarin)
Oliven ohne Stein, grob zerkleinert
2 EL Kapernäpfel
1 kleines Glas Artischockenherzen
2 cl Noilly Prat
Salz und Pfeffer
2 EL große Kapern
wenig Mehl zum Mehlieren der Kapern
Öl zum Frittieren der Kapern

Zubereitung:
Die Fischfilets säubern, salzen, pfeffern und mit Zitrone beträufeln. Die Garzeit beträgt nur wenige Minuten. Darum den Fisch beiseite stellen, bis er gebraten wird.
Olivenöl nicht zu stark erhitzen. Das Bourget garni hineingeben, damit sich die Aromen entfalten.
Die Zwiebelwürfel darin anziehen lassen, bis sie glasig sind, dann die Knoblauchwürfel dazugeben.
Der Knoblauch darf nicht bräunen, vorher geben wir die Olivenwürfel, Kapernäpfel, Artischockenherzen und die Datterini dazu. Leicht köcheln lassen. DasBouquet garni herausnehmen und die Sauce mit Noilly Prat,Salz und Pfeffer abschmecken.

Öl in einer Pfanne und sehr wenig Frittieröl in einem kleinen Topf erhitzen.
Die Kapern in Mehl wenden.
Den Fisch durch das verquirlte Ei ziehen, mehlieren und von beiden Seiten in der Pfanne braten, bis er eine leichte braune Kruste hat. In der gleichen Zeit, die Kapern frittieren.

Die Flunderfilets auf dem mediterranem Gemüse anrichten und mit den frittierten Kapern bestreuen.

Dazu reiche ich als Beilage Zitronenrisotto.

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3 Tage Berlin – ein türkischer Coffee Shop und das Jüdische Museum

Mein Zug nach Berlin sollte zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen ankommen. Aber man ist ja sehr häufig verlassen, wenn man sich auf die Deutsche Bahn verlässt. Ich kam übrigens nach einer Odyssee am Nachmittag kurz nach 15 Uhr an.

Vorher hatte ich im Internet gesucht, wo ich nach der „geplanten“ Ankunft frühstücken kann. Ich habe lange Listen durchgeschaut und zu meinem Schrecken festgestellt, dass die Berliner andere Zeitvorstellungen als wir am Bodensee haben. Viele Cafés öffnen um acht und manche auch erst um elf Uhr. Aber das hatte sich ja ohnehin erledigt. Ich würde das mit dem Frühstück nicht erwähnen, weil ich schließlich trotzdem ein gutes, schönes Frühstückserlebnis hatte. Das war aber bereits einen Tag später.

Im Hotel wollte ich nicht frühstücken und da ich ein Frühaufsteher bin, beschloss ich mir etwas von der Stadt anzuschauen. Meine Route führte mich mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof und umgestiegen in den Bus M41 der am Brandenburger Tor, am Reichstag / Bundestag vorbei zum Potsdamer Platz fährt. Weiter geht es zum Halleschen Tor. Ich kann diese Busroute sehr empfehlen, vor allem ganz in der Frühe, wenn noch kein Verkehr herrscht und wenige Fahrgäste den Bus frequentieren.

U-Bahn Hallesches Tor

Später wollte ich ins jüdische Museum, das vom Halleschen Tor aus, gut fußläufig ist. Vorbei ging es am U-Bahnhof Hallesches Tor, der bereits im Februar 1902 benutzt wurde und damit zu den ersten U-Bahnhöfen Berlins gehörte. Es ist auch heute noch ein imposantes Gebäude in einer Stilmischung aus Neorenaissance und Neobarock. Weiter ging es über den Landwehrkanal und den Mehringplatz hinein nach Kreuzberg.  Kreuzberg, das klang in den Sechzigern bis spät in die achtziger Jahre nach Freiheit, Alternativen, Künstlern und Unabhängigkeit. Heute sieht man nicht mehr viel davon. Heute soll hier eine große türkische Gemeinde leben. Bis auf einige Obdachlose, die auf ihrer Matratze in Häuserecken schliefen, sah das Ganze gutbürgerlich aus.

Ein Stück die Friedrichstraße hinab sehe ich vor mir an der Ecke zur Franz-Klühs-Straße einen Bäcker, eigentlich ein kleiner Imbiss: Coffee Corner. Drei, vier Tische vor der Tür sowie auch drinnen. Vor mir eine Theke mit belegten Brötchen. Oh Mann, denke ich, die sehen aber fantastisch aus. Das waren keine Durchschnittsbrötchen aber auch kein fine food, das waren einfach richtig gute Brötchen, die mir Lust machten: Zum Beispiel belegt mit Rührei und Tomate. Daneben süße Stücke, oder wie das immer hier heißen mag. Eins war sofort klar, obwohl das Angebot sehr Deutsch aussah, das war ein türkischer Ladeninhaber. Er stand mit seiner Schwester hinter der Theke, verkaufte Schrippen in der Tüte über die Gasse, goss Tee auf und machte einen hervorragenden Espresso. Ich hatte in der Folge zwei Doppelte davon! Was nun, eines dieser sehr lecker aussehenden Brötchen oder ich frag mal: „Haben Sie auch Menemem?“ Klar, hatte er, wurde frisch gemacht und mit dem Hinweis serviert, dass das Rezept von der Mama sei. Ich habe schon viel Menemem in meinem Leben gegessen, aber dieses gehörte zu den Besten. Es war fruchtig mit einer verhaltenen Schärfe. Frische Tomaten, Zwiebeln die nicht mehr ganz glasig waren, aber noch Biss hatten und dazu die Eimasse, geschmeidig, nicht trocken.

Während ich da so saß, Wortfetzen von den Nachbartischen mit bekam.“ Wie hoch ist denn Deine Rente, glaubst Du das Hertha es noch mal schafft? ….“ und in der Morgensonne auf die ruhige Straße schaute, kam ein – wie sag ich es jetzt? – Obdachloser? Penner? Bettler? Auf jeden Fall er kam in den Laden, suchte umständlich nach Münzen, die er wohl nicht hatte und bekam vom Inhaber dieses Coffee Shop, mit den Worten: „Lass mal stecken“, ein belegtes Brötchen.  Das wiederholte sich noch zweimal, während ich dort saß. Von den Dreien, die ich so erlebte, war eine eine Schnorrerin. Schnorren ist die höhere Kunst des Bettelns, dazu gehört eine Geschichte, eine Geschichte die man parat hat, eine Geschichte, die sagt, dass man kein Bettler ist, nur gerade so verlegen, dass das nötige Kleingeld fehlt. Sie wollte dem Inhaber der Bäckerei alte Zeitungen verkaufen, der wollte keine, aber das Brötchen bekam sie trotzdem.

Das gefiel mir. Menschen mit einem so großem Herzen, so gutem Espresso und so gutem Menemem, müsste es häufiger geben. Übrigens, ich habe der Schnorrerin eine Zeitung abgekauft. Es macht nichts, das sie alt war, steht ja in der Regel sowieso nichts Neues drin. Und sie strahlte, drehte sich um und holte süße Stücke, für einen guten Wochenendanfang.

Zum jüdischen Museum war es jetzt nicht mehr weit. Quasi nur noch ums Eck und man sah es. Ein unglaublich anmutendes Gebäude, das vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind entworfen und realisiert wurde.

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Dieses Museum führt Besucher auf die Spuren jüdischer Identität in einer zeitgenössischen Architektur. Entstanden ist ein Zick-Zack-Bau aus Titanzink, unterirdische Achsen, schiefe Wände und unklimatisierte Betonschächte. Mit diesem Bauwerk visualisiert Libeskind deutsch-jüdische Geschichte. Das Gebäude lässt viele Interpretationen zu: Manche erinnert es an einen zerbrochenen Davidstern, andere an einen Blitz; bei vielen hinterlässt es ein Gefühl der Verunsicherung oder Desorientierung.

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„Der offizielle Name des Projekts lautet ‚Jüdisches Museum‘, aber ich habe es ‚Between the Lines‘ genannt, weil es sich für mich dabei um zwei Linien, zwei Strömungen des Denkens, der Organisation und Beziehungen handelt.“ (Daniel Libeskind)

Den Grundriss entwickelte Daniel Libeskind aus zwei Linien: der sichtbaren Zick-Zack-Linie des Gebäudes und einer unsichtbaren geraden Linie. An den Kreuzungs­punkten liegen Leerräume, die das Gebäude vom Unter­geschoss bis zum Dach durchziehen. Die sich kreuzenden und schräg verlaufenden Fenster wirken unsystematisch und lassen von außen keine Geschoss­gliederung erkennen.

Für die Verbindung zwischen jüdischer Tradition und deutscher Kultur vor der Schoa stehen jüdische und nicht-jüdische Berliner Persönlich­keiten wie Paul Celan, Max Liebermann, Heinrich von Kleist, Rahel Varnhagen oder Friedrich Hegel. Aus deren Adressen entstand ein Liniennetz, aus dem Libeskind die Struktur des Gebäudes und der Fenster entwickelte.

Das Museum hat bei mir tiefe Empfindungen hinterlassen, die noch nachwirken.

Da dies ein Food Blog ist, gehört zum Museumsbesuch auch die Vorfreude auf ein Essen in dem angeschlossenem Café. Neben traditionellen Speisen aus der jüdischen und israelischen Küche wie gefüllte Weinblätter, herzhaftem Hummus und Baba Ghanoush gibt es auch Leckereien aus der ganzen Welt, sagt die Speisekarte im Internet. Tief im Herzen hoffte ich, dass es „Latkes“ gibt. Leider entsprach das Angebot an diesem Tag nicht meinen Vorstellungen, aber dafür hatte ich ja bereits vorher ein köstliches Menemem bekommen, welches in der jüdischen Küche den nahen Verwandten „Shakshuka“ hat. Doch die Latkes gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Kaum war ich von der Reise zurückgekehrt, habe ich sie mir daheim zubereitet.

An Chanukka werden in Öl gebratene Latkes zum Gedenken an das Öl gegessen, das auf wundersame Weise acht Tage lang brannte, als die Makkabäer den Heiligen Tempel in Jerusalem reinigten und neu einweihten. 

Am besten verwendet man für die Herstellung  klassischer Kartoffellatkes – auf Hebräisch auch als Levivot bekannt – eine Küchenmaschine, die die Zubereitung um Einiges vereinfacht. Wer keine Küchenmaschine hat, kann natürlich auch den Weg der alten Schule gehen und eine Kistenreibe für die Zwiebeln und Kartoffeln verwenden. 

Latkes eignen sich wunderbar als Beilage und als Vorspeise. Man kann sie mit allerlei Beilagen servieren. Ich persönlich mag sie am liebsten einfach mit Apfelmus.

Zutaten:
1 – 1,5 kg   Kartoffeln (am besten mehlig kochende)
2 Zwiebeln, geschält
3 große Eier, leicht geschlagen
1 Teelöffel Salz
1/4 Teelöffel frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
1/4 bis 3/4 Tasse Mehl
Öl zum Braten
Apfelmus oder saure Sahne zum Garnieren

Zubereitung:
Einen Teller mit Papiertüchern auslegen und beiseite stellen. Darauf werden später die Latkes entfettet.

Die Kartoffeln und Zwiebeln schälen und etwas zerkleinert in eine Küchenmaschine geben , die mit einer Messerklinge (auch als S-Klinge bekannt) ausgestattet ist. Pulsieren, bis ein glatter Teig entstanden ist. Diesen Teig gut abtropfen lassen, eventuell in einem Passiertuch ausdrücken.

Die Kartoffelmischung in eine große Schüssel geben. Die  geschlagenen Eier, Salz und Pfeffer hinzu geben und alles gut mischen.

So viel Mehl zugeben, dass die Masse eine Bindung erhält.

Das Öl in einer Bratpfanne erhitzen, etwas von  der Kartoffelmischung vorsichtig in das heiße Öl geben. Den Pfannkuchen ein wenig flach drücken. Man kann natürlich einige Pfannkuchen gleichzeitig backen, sollte aber darauf achten, die Pfanne nicht zu voll zu machen. 

Einige Minuten auf jeder Seite braten, bis sie goldbraun und durchgegart sind. 

Zum Abtropfen auf die mit Küchenpapier ausgelegte Platte geben und den restlichen Latkes-Teig portionsweise weiterbraten. Auf Wunsch sofort mit Apfelmus oder  Sauerrahm servieren. 

Natürlich sind Latkes keine jüdische Spezialität, sondern vor allem in Osten Europas und auch in Deutschland weit verbreitet. Möchte man ihnen einen israelische Touch verleihen, serviert man sie mit Labneh (das ist Joghurt). Den Joghurt lässt man über Nacht in einem Passiertuch abtropfen – am nächsten Morgen hat man mit einer Prise Salz und ein Schuss Olivenöl  Labneh.


Der Tag endete mit einem Besuch im Kochbuchantiquariat, das ich nicht unerwähnt lassen will. Die Bibliotheca Culinaria findet man in der Zehdenicker Str. 16, 10119 Berlin. Ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der Kochbücher wie Romane liest. Diesen wundervollen Laden muss man als Food Blogger besuchen. Über den Besuch in der Bibliotheca Culinaria und das Abendessen in einem Rahmen Restaurant schreibe ich einmal später.

Die Heimfahrt am nächsten Tag verlief fast ohne Komplikationen. Kaum Verspätung, trotz eines großen Umwegs und einem Speisewagen in der 1. Klasse, der nur Tomaten- oder Linsensuppe anbieten konnte.

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3 Tage Berlin – AEG + Curry Wurst + Otto

Berlin als Stadt ist eigentlich ein Spätentwickler. Auch wenn man es sich kaum vorstellen kann, vor nicht einmal 200 Jahren hatte es einen rein ländlichen Charakter.  Mit der Nutzung der Dampfkraft kam die Eisenbahn und mit der Eisenbahn begann die Industrialisierung von Berlin. Unterstützt wurde dies durch ein leistungsfähiges Wasserstraßennetz, das die Ansiedlung von Fabriken beschleunigte.

Ein Jahrhundert zuvor hatte König Friedrich II. von Preußen Siedler angeworben, um das Berliner Umland zu bewirtschaften. Da waren viele Hugenotten die hier Zuflucht suchten und später entscheidend das Berliner Stadtbild mit prägten. Sie kamen mit der Vorstellung, Landwirtschaft und Handwerk zu betreiben. Doch die Landwirtschaft auf den sandigen und sumpfigen Böden Brandenburgs gedieh nie so recht. Es herrschte Not und diese trieb die Menschen in die Stadt. In den Fabriken wurden Arbeitskräfte gebraucht. Hier erwarteten sie ein besseres Leben. Die Wirklichkeit sah anders aus, das Leben der Arbeiter war elend und verbesserte sich nicht.  Eindrucksvoll kann man das noch heute im Werk des Malers und Fotographen „Heinrich Zille“ sehen.

Beamtentor

In den Vorstädten entstanden Pionierunternehmen, die zum Kern erster Industriegebiete wurden. Berlin wurde das „Birmingham in der Mark“ genannt. In dieser Zeit erkannte der Berliner Unternehmer Emil Rathenau die Bedeutung der Elektrizität und gründete die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“ aus der wenige Jahre später die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) hervorging, die zu einem der größten Konzerne der Welt heranwuchs. Die ersten Gebäude wurden an Ackerstraße und Hussitenstraße in Wedding errichtet und stehen heute unter Denkmalschutz.

Wir spazierten von der Hussitenstraße zur Brunnenstraße, wo die imposanten großen Montagehallen noch zu sehen sind. Alles in Backstein gebaut, lässt sich erahnen, welch bedeutendes Unternehmen es einst war. Von hier führte uns unser Weg durch den Humboldthain, einer grünen Oase inmitten der hektischen Stadt und ein vielseitiger Volkspark mit Rasenflächen, Rosengarten, Spielplätzen und Freibad. Unser Ziel war „Curry Baude“ neben der ehemaligen  U-Bahn Station Gesundbrunnen.

Curry-Wurst – da streiten sich die Geister, wer der oder die Erfinder(in) der Curry-Wurst war und wo dies geschah. Gleich drei Regionen streiten sich darum: Hamburg (bestimmt nicht. Das behauptet nur der Schriftsteller Uwe Timm, der bereits 1947 eine bei Frau Brücker, an deren Wurstbude auf dem Großneumarkt windig, schmutzig und Kopfstein gepflastert in Hamburg gegessen haben will.) – das Ruhrgebiet, das ist schon wahrscheinlicher, aber nicht so sicher wie  Berlin. Die Berliner sagen, dass die Curry Wurst vor 70 Jahren von Herta Heuwer in Charlottenburg erfunden wurde. – Food Historiker behaupten allerdings, dass an der Entwicklung der speziellen Sauce mehrere Berliner Wurstverkäufer beteiligt  gewesen sein sollen. Eins ist sicher: Herta Heuwer hat sich ihre Spezial-Sauce unter dem Namen „Chillup“ patentieren lassen.

Heute streitet man sich darüber, wer die beste Curry Wurst der Stadt hat. Einschlägige Reiseführer nennen da „Konopke“ und „Curry 36“. Wie ich mir sagen ließ. Zu „Konopke“ geht der Osten, zu „Curry 36“ die Touristen, aber echte Kenner gehen zu „Curry-Baude“. Seit dreißig Jahren bietet hier die Familie Reimann Würste feil. Sie haben sich nie irgendwelchen Trends angepasst, sondern sind immer geblieben, was sie waren:  Würste, Bouletten und Schnitzel stammen aus der eigenen Fleischerei. Hier direkt beim Meister schmeckt es unter anderem auch deshalb so gut, weil die geheime Curry-Sauce optimal auf die Wurst abgestimmt ist – das genaue Rezept wird natürlich nie im Leben verraten. Ich habe mich von meinem Sohn leiten lassen und ich bin fest überzeugt: Curry Baude ist die Wurstbude meines Herzens.

Man muss etwas anstehen, dann der Genuss. Rundherum zufriedene Gesichter.

Unweit von Curry Baude geht es in die Berliner Unterwelt. Das ist eine Vereinigung, die Einblicke die „Berliner Unterwelten“ bietet; in Gegenwärtiges und Vergangenes das so unter der Stadt passiert oder passierte. Unter anderem kann man den Tunnel besichtigen, den Emil Rathenau bauen ließ, um das Hauptwerk der AEG mit dem Kleinmotorenwek in der Ackerstraße zu verbinden. Unser Ziel war aber die Ausstellung: Mythos Germania.

Hinab geht es in  geheimnisvolle verborgene Räume, die erst vor einigen Jahren unter dem Gesundbrunnen wiederentdeckt wurden. Hier zeigt man, was Hitlers Pläne für Berlin waren. Berlin hätte nicht mehr als Lebensraum der Bewohner gedient, sondern als Repräsentationsraum des Regimes. Das was gezeigt wird, ist nahezu unfassbar und macht betroffen.

Am Abend waren wir bei Otto. Unscheinbar liegt es in der Odenberger Straße 56 in Berlin. Ich zitiere einfach was der Guide Michelin schreibt: „Sympathisch-lebendig geht es in diesem kleinen Restaurant mit offener Küche zu. Mittags gibt es ein Tagesgericht nebst vegetarischer Variante, abends eine etwas größere Auswahl an Speisen, die sich auch zum Teilen anbieten. Gekocht wird modern-reduziert und mit nordischem Einschlag, basierend auf Produkten aus der Umgebung. Vor dem Haus eine kleine Terrasse – dank Pavillon sogar im Winter.“

gegrillter Saibling

„Das „Otto” in Berlin wurde für seine natürliche Küche mit den besten Zutaten aus Brandenburg gefeiert“, schreibt die FAZ. Koch Vadim Otto Ursus und Restaurantleiterin Cate Gowers haben mit dem „Otto” einen kleinen Ort geschaffen, an dem Großes passiert. 

Genau so habe ich es auch erlebt. Herausragend waren die dehydrierten roten Beete, die in Schlehensaft eingelegt wieder einen schönen tiefen Geschmack entfalteten. Ebenfalls die gebratene, marinierte Maräne war etwas Besonderes. Im Bild der gegrillte Saibling mit Wildkräutersalat.

Eine Entdeckung für uns war die Weinempfehlung: Bittersüß und ungeschönt sind die Weine von Martin Otto Wörner. Komplex aber trinkfreudig müssen seine Weine sein. Genau wie der Marto 2020 weiß! Dieses naturtrübe, ungeschönte Cuvée ist würzig, zitronig und ein kleines bisschen bitter. In anderen Worten: genau richtig.

Die Gangfolge im Otto (unter anderem dieser wunderbar gegrillteSaibling mit Wildkräutersalat)  inspirierte mich zu einer Zusammenstellung für ein gemeinsames Abendessen mit Freunden, die ich „Rund um den See“ nenne. Alles Produkte aus oder von den Ufern des Bodensees und der näheren Umgebung:

Forelle (aus Wildfang) gebraten und in Wein und Bodensee-Verjus mit Gewürzen mariniert
Forelle geräuchert auf einem Linsensalat
Forelle gebeizt mit roter Beete und Lakritz verarbeitet zu einem Tatar an einem Kräuterdressing
Marinierte Eier mit Kräutern und Paprikaschote
Frischkäse aus der Dorfsennerei Böserscheidegg (Allgäu)
Schinken und Speckwurst von Englert in Honstetten
Marinierte Pilze
Sauerteigbrot von der Bäckerei Stadelhofer
Bio-Heumilchbutter aus der Dorfkäserei Geifertshofen (Hohenlohe)

Zutaten:
4 kleine Forellen
Mehl
Salz und Pfeffer
Bratbutter
2 dicke Zwiebeln
½ l Verjus
½ l herber Wein (es kann ein Rest sein)
3 Lorbeerblätter
1 EL Wacholderbeeren
1 TL Senfsaat
4 EL Zucker
1 Zitrone

Zubereitung:

Die Forellen säubern, mehlieren, salzen und in dem Butterfett braten. Beiseite stellen, damit sie abkühlen.

Die Zwiebeln in dicke Scheiben schneiden.

Die Gewürze in einer Pfanne trocken anrösten, bis sie duften und dann den Wein, Verjus und die Zwiebeln zugeben. Den Zucker einrühren, bis er sich aufgelöst hat. Die Zitrone in Scheiben in die heiße Brühe geben. Dann beiseite stellen und abkühlen lassen.

Die abgekühlte Beize über die abgekühlten Fische geben und das Ganze einige Tage (mindestens 3 Tage kühl stehen lassen)

Dazu passen Bratkartoffeln und Salat.

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