
Hühnchen in Essig (Poulet au Vinaigre) ist ein traditionelles Gericht aus der Region Lyon in Frankreich. Hier haben wir ein einfaches und doch raffiniertes Rezept. Das Hühnchen wird in der Säure von Essig geschmort.
Anfangs habe ich jene Rezeptur zubereitet, die angeblich vom großen Paul Bocuse stammte. Mit der Zeit lernte ich eine andere Varianten kennen, die sich doch im Wesentlichen ähnelten. Diesmal habe ich es neu interpretiert. Animiert, einen neuen Weg zu beschreiten, wurde ich von einem wohl eher unbekannten Koch: Yoshiaki Ishige aus dem kleinen Restaurant „L’inédit“ in Tokio. Nein, ich war nicht dort, sondern das Internet brachte ihn mir näher.
Während Bocuse opulent mit viel Butter und noch einmal Butter arbeitete, wird hier der Gedanke des Rezepts anders interpretiert. – Ja, ich weiß, man kann nie zu viel Butter an ein Brathuhn oder in Kartoffelpüree geben. Aber man kann es auch bleiben lassen und bewusster essen.
In den gängigen Kochanweisungen überlagert der Essiggeschmack, der sich beim Köcheln mit dem Gericht verbindet, den Umami-Geschmack des Hühnchens. Yoshiaki Ishige geht bei diesem traditionellen Gericht jedoch einen anderen Weg, indem er das Huhn nicht im Essigsud köcheln lässt, sondern den Geschmack durch die Sauce zum Ausdruck bringt. So erhält man eine völlig andere Geschmacksnote, die eine intensive Tiefe und dezente Säure hervorbringt.
Man soll immer die best möglichen Zutaten verwenden. In diesem Fall ein hervorragendes Brathuhn aus der Freilandhaltung und einen oder zwei sehr gute Essigsorten. Industrieessig aus der Literflasche (ich will es mal so nennen) erschlägt mit seiner Säure jede feine Nuance dieses Rezepts.

Zutaten:
2 Esslöffel geklärte, ungesalzene Butter, 4 ungeschälte Knoblauchzehen, 1 große weiße Zwiebel, 2 bis 3 vollreife Tomaten, 1 Bouquet garni, 1 ganzes Hähnchen (1,1 bis 1,4 kg), Salz, frisch gemahlener schwarzer Pfeffer, 1/2 Tasse milder Weißwein- oder Reisessig, 1 EL Madeiraessig
Zubereitung:
Vom Huhn die Schenkel abtrennen und die Brüste auslösen. Sorgsam die Innereien aus der Karkasse entfernen und diese in kleine Stücke hacken. Dabei muss man auch die Knochen zerteilen. Die geben beim Ansetzen der Sauce viel Geschmack aus ihrem Innereren.
Den Backofen auf 175° C vorheizen. Für den Saucenansatz eine Zwiebel in feine Würfel schneiden und in einem 1 EL geklärte Butter kräftig anbraten. Die Hähnchenknochen und Abschnitte dazugeben und weiter bei hoher Hitze anbraten. Die ungeschälten Knoblauchzehen und die Tomaten in Stücken dazugeben. Kurz mitbraten, mit einem Deckel abdecken und für 45 Minuten – bis 1 Stunde in den Backofen geben.
Den Saucenansatz aus dem Backofen nehmen. Die Hähnchenstücke sollten jetzt stark gebräunt sein. Die Knoblauchzehen herausfischen und beiseite stellen. Die festen Teile mit dem Bourquet garni in eine Kasserolle geben. Den Bodensatz in der Pfanne mit Wasser lösen. Die festen Teile mit dem gelösten Bodensatz begießen, mit Wasser auffüllen und langsam köcheln lassen. Zwei Stunden sollten reichen, drei Stunden sind besser. Alles durch ein feines Sieb passieren. Die Sauce in einem kleinen Topf weiter reduzieren.
Geklärte Butter und Knoblauch in einer Pfanne mit dickem Boden bei mittlerer bis hoher Hitze erhitzen. Die Hähnchenkeulen und die Brust von allen Seiten gut anbraten, bis sie leicht gebräunt sind, dabei nach 3 Minuten einmal wenden. Großzügig mit Salz und Pfeffer würzen. Für 20 bis 30 Minuten in den Backofen geben, nach ca. 10 Minuten wenden, bis das Hähchen gegart ist.
Inzwischen beide Sorten Essig zur Saucenreduktion hinzufügen und die Mischung bei mittlerer bis hoher Hitze sprudelnd zwei bis drei Minuten reduzieren. Mit einem Löffel das Fett von der Oberfläche der Essigmischung in der Pfanne abschöpfen und entsorgen. Bei schwacher Hitze ungestört 3 bis 4 Minuten einkochen lassen, bis die Flüssigkeit um ein Drittel reduziert ist. Die Knoblauchzehen, die wir beiseite gestellt haben, schälen und das Knoblauchmark mit einem Holzlöffel in die Sauce einrühren, bis alles gut vermischt ist. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. 1 Esslöffel Butter unterrühren, bis die Sauce cremig ist und eine sirupartige Konsistenz hat.
Das Hähnchen auf eine Platte legen, die Soße darüber gießen und sofort servieren.



