Ninotschka

Seit Tagen plage ich mich mit einem widerlichen Virus herum. Da hat man zu Nichts Lust – bestimmt nicht zum Kochen. Gestern kam dann ein Nachbar, der mir „Träuble“ brachte. „Träuble“ – das sind rote Johannisbeeren. Was tun? Verkommen lassen wollte ich sie nicht und hatte mich schon entschlossen, sie weiter zu schenken, als mir eine alte Geschichte in den Sinn kam.
Meine Großmutter stellte immer „Upgesetten“ aus schwarzen Johannisbeeren her. „Upgesetten“ ist ein traditionell, fruchtiger Likör, der bei jeder Gelegenheit getrunken wurde und auf der Tagesordnung stand. Und weil er meist unter 20 % Alkohol enthielt, konnte man gut ein Pinnchen mehr davon trinken. Für die, die sich unter einem Pinnchen so nichts Rechtes vorstellen können: in Süddeutschland heißt das Ding Stamperl – ein genormtes Schnapsglas. Wobei ein Pinnchen immer einen breiten festen Fuß hat und meist einen roten Rand als Eichmarkierung.
ninotschka
Die alte Geschichte? Nun, schon als Kind las ich alles – auch die Bäckerblume, dazu das Wochenblättchen vom Edeka Kaufmann Düwel und was sonst so ins Haus flatterte. Gott sei Dank gab es noch nicht so viel Reklame. Und eines Tages entdeckte ich ein „großartiges“ Rezept für einen außergewöhnlichen Likör (wie ich damals dachte): Ninotschka. „Nehmen Sie doch einfach einmal rote, anstatt schwarze Johannisbeeren und geben eine Tütchen Dr. Oetkers Vanillin dazu“, las ich. Ninotschka klang russisch und euphorisch erzählte ich beim Mittagstisch, dieses Jahr müssen wir auch russischen Aufgesetzten machen, ich hab das Rezept im Heft vom Düwel gefunden. „Mein Gchott ne“, sagte die Großmutter, “ datt sinn ja nur rote Johannisbeeren“. Und da bei uns die Tradition hoch gehalten wurde, gab es wie jedes Jahr „Upgesetten“ aus schwarzen Johannisbeeren, die roten wurden zu Gelee verarbeitet, den es am Nachmittag zu gebutterten Beschüten (Zwieback) gab.

Und jetzt war die Gelegenheit, dieses Jahr gibt es „Ninotschka“. Was doch so ein fremd klingendes Wort anrichten kann. Ich bin gespannt wie er schmecken wird. Und wie ich ihn gemacht habe?

Jede Flasche halb voll mit roten Johannisbeeren, Grümmel (feiner Kandis) drauf und mit Korn aufgefüllt. Und damit es was wird, habe ich den guten Korn von Sasse aus Schöppingen genommen.

Veröffentlicht unter Rezepte | 4 Kommentare

Dicke Bohnen mit Speck

Kann das sein? Jetzt im Sommer „Dicke Bohnen mit Speck?“

Das kann nicht nur sein, das ist ein Muss! Ob sie nun „große“ oder „dicke“ Bohnen mit Speck genannt werden, jetzt ist Dicke Bohnen Zeit und sie sind seit jeher ein Leibgericht der Westfalen. Im Volksmund werden sie auch Sau- oder Pferdebohnen genannt, im Münsterland heißen sie „Graute Baunen“.
dicke-bohnen dicke-bohnen_01 dicke-bohnen_02
Als Kinder sangen wir: „Jau, de schönste Tied vom Summer, is de Graute Baunen Tied, Buk, da waer no aomal so wiet.“ (Ja die schönste Zeit vom Sommer ist die Große Bohnen Zeit, Bauch da werde noch mal so weit.)

Die Schlachtvorräte waren aufgebraucht und in den Monaten Juni und Juli, der Erntezeit der dicken Bohnen, hing also neben dem Schinken nur noch der luftgetrocknete durchwachsene Speck „ob de büene“ (auf der Fleischkammer). So lag es nahe, die frischen dicken Bohnen damit zu kochen. Richtig vollständig sind „dicke Bohnen mit Speck“ aber erst, wenn die ersten frischen Kartoffeln der neuen Ernte dazu gereicht werden.

Gewürzt werden die „dicken Bohnen“ mit Pfeffer und Salz und evtl. mit Bohnenkraut, Majoran und Liebstöckel.

In alten Zeiten aß man die dicken Bohnen nicht nur frisch, sondern auch ausgereift und getrocknet das ganze Jahr hindurch. Die getrockneten Bohnen wurden auch wohl gemahlen und zusammen mit Mehl zum Brotbacken verwendet. Aber das kenne ich nur vom Hörensagen.
dicke_bohnen_04
Zutaten
ca. 250 g geräucherter Schweinebauch (Speck)
ca. 250 g frischer Schweinebauch
1/2 l Fleischbrühe
2 Pfund dicke Bohnen
Salz
Pfeffer
100 g Zwiebel
1 Lorbeerblatt
2 Nelken
Bohnenkraut
wenig Mehl
etwas Sahne

Zubereitung
Den Speck in der heißen Fleischbrühe garen. Das Fleisch kalt stellen. Den frischen Schweinebauch mit Zwiebeln, Lorbeer und Nelke langsam schmoren. Dicke Bohnen döppen* und in der Fleischbrühe ca. 1 Stunde gar kochen. Mit Salz, Pfeffer, und Bohnenkraut abschmecken. Dann mit 1 TL Mehl bestäuben und etwas Sahne binden.
Den Speck in Scheiben schneiden, mit Salz und Pfeffer würzen und in einer Pfanne von beiden Seiten braten und zusammen mit Scheiben vom frischen Schweinebauch zu Bohnen und Petersilienkartoffeln servieren.

Das Wort döppen hat im Ruhrgebiet eine vielfache Bedeutung: Mach de Döppen auf, heißt soviel wie: Mach die Augen auf. Jemand unterdöppen, darunter versteht man, einen anderen unter Wasser zu drücken. Hier hat es aber die Bedeutung die Bohnen von der Hülse zu befreien.

Veröffentlicht unter Eintöpfe, Fleisch, Rezepte | 7 Kommentare

„Der Appetit ist die moderne Erbsünde“

So ist der Titel eines Artikles in der Zeit. Vor einiger Zeit schrieb ich hier einen Beitrag zum „Sinn und Unsinn“ mancher Ernährungsberatung. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer spricht mir in diesem Artikel ganz aus der Seele – und darum schiebe ich hier den Link dahin nach.

Vor allem gefällt mir die Auslassung über Pizza und Kinder. Wie oft habe ich gehört, Kinder esst was Ordentliches, keine Pizza. Hier der Ausschnitt aus dem o.g. Beitrag in der Zeit:

Frage: Fänden unsere Kinder das Prinzip Pizza abscheulich, schreiben Sie, dann würde man sie ihnen zwangsverabreichen?

Pollmer: Genau! Dann gäb’s Schulungen! Die Ernährungspäpste würden Kochkurse fordern, um den Wert der Pizza zu preisen: wertvolles Getreide, das gute Olivenöl, der Käse mit seinem für die Knochen wichtigen Kalzium, es würde doziert, wie vorteilhaft die verschiedenen Beläge sind, Ananas, Gemüse, Sardellen, oder auch ein bisschen Schinken. Aber nein, die Kinder stehen auf Pizza, also ist sie des Teufels.

Schönen kulinarischen Sonntag!

Veröffentlicht unter Rezepte | 9 Kommentare