Wer den Grundsatz „From nose to tail“ in seiner Küche verwirklichen will, hat es immer schwerer. Bestimmte Stücke vom Rind oder Kalb und noch viel öfters vom Schwein werden beim Metzger nicht mehr angeboten. Sogenannte „Grillhaxen“ werden ohne Haut und Fett angeboten, Kalbskopf gibt es praktisch nicht mehr, Schweineköpfe und Spitzbeine für hausgemachte Sülzen sind sehr schwer zu bekommen. Die Innereien beschränken sich oft nur noch auf die Leber. Alle Welt redet von Nachhaltigkeit, aber beim Fleisch scheinen gute Stücke im Hundefutter (oder vielleicht in einer Wurst) zu landen.
Darum habe ich mich entschlossen im Mai wieder einmal Gerichte zuzubereiten, die bei vielen Mitmenschen in Vergessenheit geraten sind: „Ochsenmaulsalat mit Bratkartoffeln“ oder „gebratene Blutwurst auf sauren Linsen“. Beginnen will ich mit einem meiner Lieblingsrezepte:
Möhren-Kartoffelstampf mit Frikadelle
In Norddeutschland war der Möhren-Kartoffelstampf ein beliebtes Essen, manchmal gab es eine Frikadelle oder sogar ein anders Fleischgericht dazu, oft aber nur ausgelassene Speckwürfel darüber.
Möhren-Kartoffelstampf
Als Zutaten braucht man Möhren und mehlig kochende Kartoffeln. Das Mischungsverhältnis bestimmt der eigene Geschmack. Dazu eine Zwiebel, Petersilie, ein Lorbeerblatt, 2 Nelken, Muskat, Salz, Butter oder saure Sahne.
Die Zubereitung ist einfach. Die Zwiebel, Möhren und Kartoffeln schälen, würfeln und zusammen kochen. Das Lorbeerblatt und die Nelken kommen mit ins Kochwasser. Wenn die Kartoffeln gar sind, das Kochwasser bis auf einen kleinen Rest abgießen. Das Lorbeerblatt und die Nelken herausnehmen, die Butter oder saure Sahne zugeben und alles zerstampfen. Jetzt muss man es nur noch mit Muskat und Salz abschmecken.
Zum Schluss gibt man Petersilie oben auf. Das ist ein Essen das einfach zuzubereien und preiswert ist und glücklich macht.
Langgestreckt liegt Sarajevo zwischen den Bergen. Am östlichen Ende, bereits da wo die Altstadt Baščaršija endet findet man direkt am linken Ufer der Miljacka das wohl außergewöhnlichste Gebäude der Stadt: das Rathaus.
Rathaus von Sarajevo
Als die österreichisch-ungarische Monarchie in Bosnien und Herzegowina an die Macht kam, baute sie zahlreiche Gebäude wie das Postamt, das Nationalmuseum, die Juristische Fakultät und nicht zuletzt das Rathaus. Der Standort sollte neben dem östlichen Ende der Altstadt sein, wo die Seher-Cehaja-Brücke die ersten Steinbrücke in Sarajevo den Fluss überspannte. Zu der Zeit hatte die Brücke noch fünf Bögen von denen später einer bei der Regulierung des Flussverlaufs in die Ufermauer der Miljacka eingemauert wurde. Diese Brücke gewann an besonderer Bedeutung mit dem geplanten Bau des Rathauses.
Um das Rathaus bauen zu können, mussten die umliegenden Häuser abgerissen werden. Darunter das Haus des alten Benderija, der aus Sarajevo stammte. Er erlaubte ihnen nicht, sein Haus abzureißen, weil dieses Haus sein geistlicher Frieden war. Nach langen Verhandlungen bat der störrische alte Mann die Monarchie, ihm einen Sack Goldmünzen zu zahlen und sein Haus Stein für Stein, an das andere Ufer der Miljacka zu verlegen.
Sie hatten keine andere Wahl, als zu tun, was er verlangte. Seitdem wurde Benderijas Haus nach seiner Bosheit „Inat Kuca“ genannt. Wie es auf der offiziellen Seite von „Inat Kuca“ heißt, ist es immer noch da, um allen Regierungen die Stirn zu bieten, und es symbolisiert bosnischen Trotz.
Man sagt: Trotz und Sturheit sind gemeinsame Merkmale der Sarajevaner. Vieles geschieht hier ausschließlich aus Trotz.
Haus des Widerstands
Heute ist im „Haus des Widerstandes ein Restaurant untergebracht. Es ist rustikal malerisch ausgestattet und dies alleine lohnt ein Besuch. Auf der Karte stehen ausschließlich alt hergebrachte Speisen der Region. Dort habe ich zum ersten mal Mućkalica angeboten bekommen und probiert.
Es war nicht schlecht, aber das alleine kann es nicht sein, sagte ich mir und versuchte mehr über das Gericht zu erfahren. Wikipedia schreibt: „Mućkalica ist ein serbisches Gericht, ein Eintopf aus gegrilltem Fleisch und Gemüse. Sein Name leitet sich von mućkati ab und bedeutet „schütteln, umrühren, mischen“.“ Einmal wird es als typisches südserbisches Gericht beschrieben, ein anderes mal heißt es, das es aus Dubrovnik in Kroatien stammt. Alles spricht dafür, dass Schweinefleisch verwendet wurde, aber wahrscheinlich nicht so in Sarajevo. Hier dominiert Rind- und Kalbfleisch, um die religiösen Gebote anderer Gemeinschaften nicht zu verletzen. Es gibt sogar ein Rezept im DDR Kochbuch, von dem ich aber abraten möchte. Ursprünglich war es ein Resteessen, wobei Fleischreste vom Grillen als Grundlage genommen wurden. Eins ist sicher, Fleisch, Paprika und Tomaten gehören hinein. Und so wie Sarajevo eine multikulturelle Stadt ist, habe ich aus allem mein eigenes Rezept kreiert:
800 g Tafelspitz vom Kalb, drei rote Paprikaschoten, 4 fleischige Tomaten, 2 Zwiebeln, Knoblauchzehen, Butterschmalz oder Öl, edelsüßes und scharfes Paprikapulver (die Mischung je nach Geschmack), Petersilie, Salz und Pfeffer
Zubereitung:
Die Paprikaschoten reinigen, teilen und das Kerngehäuse entfernen, dann so lange im Backofen bei 200 Grad (Umluft) backen, bis die Haut schwarz wurde. Die Schoten abdecken oder in eine Plastiktüte geben und abkühlen lassen. Durch das Abdecken oder auch durch die Tüte löst sich die Haut und lässt sich leicht abziehen. Dann in kleine Würfel schneiden.
Die Tomaten in heißes Wasser geben, kurz aufkoche, dann abschrecken und auch davon die Haut abziehen. Das innere von der Tomate herausheben und in ein Sieb geben und den Saft auffangen. Dann das Fruchtfleisch fein würfeln.
Den Tafelspitz in fingergroße Streifen schneiden und scharf in einem schweren Topf in Butterschmalz oder Öl so braten, dass sie nahezu gar sind.
Zwiebeln, Knoblauch klein schneiden und hinzugeben und leicht anbraten (ca. 10 min köcheln lassen).
Tomaten und Paprikaschoten hinzugeben und 10 min weiter köcheln lassen.
Die Petersilie fein schneiden und dazugeben, würzen.
Alles in einem abgedeckten Tontopf (oder eine verschließbare Auflaufform) umfüllen und bei niederer Temperatur (ca. 80° C) im Backofen für 30 Minuten nachgaren.
Wer in der Nacht vom Flughafen auf der belebten Zmaja od Bosne in Richtung Altstadt fährt kommt an Nationalmuseum vorbei. Durch eines der Fenster sieht man bläulich schimmernde Davidsterne. Es sind die Fenster zum „Haggada-Raum“ im Bosnischen Nationalmuseum, der von gedämpften Licht erleuchtet ist. Und das mitten in einer überwiegend muslimischen Stadt. Im Zentrum dieses Raums steht die Sarajevo-Haggada und drum herum werden in Vitrinen Dokumente über das mittelalterliche bosnische Königreich ausgestellt, Gegenstände des orthodoxen und katholischen Christentums sowie des bosnischen Islams.
Dieses jüdisch-historische Erbe, nämlich die sogenannten „Sarajevo Haggada“ ist ein aus dem Jahr 1350 datiertes Büchlein. Das Schriftstück aus dem 14. Jahrhundert beschreibt in golden leuchtenden Bildern, wie der Sederabend des jüdischen Pessach-Festes zu feiern ist. 1492 brachten spanische Juden das Buch nach Sarajevo. Im Zweiten Weltkrieg versteckte es ein Bibliothekar vor den Nazis. Während der Belagerung Sarajevos in den Neunzigerjahren brachten die Mitarbeiter des Museums die Haggada in einen Safe. Das Werk hat die Spanische Inquisition, den Zweiten Weltkrieg und den Bosnienkrieg überlebt. Nun ist sie zum ersten Mal seit vier Jahren wieder für Besucher zu sehen. Es ist die älteste sephardische Schrift des Pessachfestes.
Der Philosemitismus ist Teil der bosnischen Staatsräson – auch, weil die wenigen Juden keine territorialen Ansprüche stellen und keine politische Macht haben. Überall in der Stadt erinnern Gebäude, Synagogen (die zum Teil nicht mehr ihren Zweck erfüllen) und ein eindrucksvoller Friedhof an die Geschichte jener spanischer Juden, die im 15. Jahrhundert unter dem katholischen Königspaar Isabella I. und Ferdinand II. aus Spanien vertrieben wurden und auf dem Balkan Zuflucht suchten. Mit ihren Kenntnissen beeinflussten sie das Handwerk in der Altstadt und den Handel. Heute gibt es nur noch eine kleine Gemeinde, die sich bemüht, das Erbe ihrer Ahnen aufrecht zu erhalten.
alter jüdischer Friedhof Sarajevo
Erleben kann man diese Welt noch in den Erzählungen von Isak Samokovlija, der eine Welt zeigt, in der Armut, Erniedrigung und Leid an der Tagesordnung sind, in der Traditionen und Bräuche mehr beengen als befreien. Aberglaube verschleiert den Blick, und die spaniolischen Lieder – die der Autor immer wieder zitiert – klingen wehmütig. Ivo Andrić, der bosnische Literatur-Nobelpreisträger, hat Isak Samakovlija «unseren Tschechow» genannt hat. Samokovlija geht es vor allem um die Ärmsten der Armen: um Lastenträger und Schuster, Imker und fliegende Händler, vom Pech verfolgte Witwer und sterbenskranke Bräute. Schwer haben es seine Helden, ob sie unter den Osmanen oder im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen leben. Und besonders schwer, als während des Zweiten Weltkriegs die Ustascha wütete und viele von ihnen in den Konzentrationslagern Jasenovac, Mauthausen oder Dachau umkamen.
Wie Tschechow dringt Samokovlija tief in das Innenleben seiner Figuren ein, ebenso wie Tschechow zeichnet er prägnant ihr Milieu. Weder aus- noch abschweifend geht er dabei lakonisch zur Sache, nur bei Naturbeschreibungen gönnt er sich etwas Poesie. «Die Nächte waren voll schwellenden Reifens. Der Mais hatte die Büschel seidiger Fäden schon vor langem getrieben, jetzt verdickten sich die Kolben und füllten sich mit süßer Milch. Sie reiften. Geschnitten waren Weizen und Gerste. Hoch erhoben sich die Schober. Das Gras stand grün zum zweiten Schnitt.» So steht es in der Erzählung «Die rote Dahlie», darin der Imker Idriz und seine Geliebte Malka gerade noch ihre Brautnacht feiern können, bevor die Tuberkulose das Mädchen dahinrafft. Ihr Vermächtnis: rote Dahlien, deren Knollen Idriz an so vielen Orten wie möglich einpflanzt.
Beeindruckt von den Zeugnissen dieser vergangenen Welt besuchte ich am Abend das Restaurant „Die vier Räume der Madame Safija“. Auch hier tauchen wir wieder in die Geschichte der Region ein.
Safija verkörpert all diese wunderbaren Eigenschaften, die ein fester Bestandteil des genetischen Erbes dieser Regionen, Sarajevo und Bosnien und Herzegowina sind. Dies Restaurant hegt den Geist einer längst vergangenen, schönen Zeit, als die Menschen Freundlichkeit, Bescheidenheit, Raffinesse, gute Manieren, Gastfreundschaft, Kultur, Kunst besonders schätzten. Eine Zeite, in denen es ebenso wichtig war, wie zum Beispiel sich besonders um die Qualität der Speisen zu kümmern, als auch das richtige Servieren und den angemessenen Verlauf der servierten Gerichte.
Safijas Charakter war von ihrer Liebe zu einem Mann geprägt, der nicht in ihre Welt gehörte, ebenso wie sie ihm fremd war. Tatsachen, die ihre Liebe damals fast unmöglich machten. Aber wie wir bereits wissen, ist Liebe, wenn sie stark und selbstlos ist, unzerstörbar und nichts kann ihr im Wege stehen. Die Geschichte von Safija und Johan überwucherte Zeit und Raum und wurde zu einer der magischsten Liebesgeschichten in dieser Region. Als Pfand seiner Liebe schenkte Johan Safija dieses Haus im Stadtteil Čekaluša, in dem sich heute das Restaurant befindet. (Freie Übersetzung nach der Beschreibung auf der Internetpräsentation)
Zusätzlich zu einer Speisekarte, bietet das Restaurant zwei Degustationsmenus, von denen eines vegetarisch ist. Das Menü leitet den Gast durch die Geschichte und kulinarischen Spezialitäten von Bosnien-Herzegowina.
Auf diese Besonderheit bin ich bereits einmal eingegangen. Hier der Link dazu.
Bosna Kafka
Zweiter Gang: Dolma, Reis, Yoghurt-Knoblauch-Sauce, geklärte Butter mit Rauchpaprika und frittierter Petersilie.
Dolma ist eine Spezialität der orientalischen Küche. Zum Ramadan werden in Sarajevo speziell Zwiebeln und gelbe Paprika mit gehacktem Kalbfleisch gefüllt.
Dolma
Ab dem zweiten Gang gab es eine Weinbegleitung. Das erste Glas Wein war ein Safijina zlatna žilavka. Ein angenehmer Weißwein aus einer autochthonen Traube, der in den Bergen von Süd-Herzegowina angebaut wird.
Dritter Gang: Tiroler Speckknödel mit Karotte, Sellerie und Lauch in einer doppelte Kraftbrühe
Dieser Gang erinnert an die Zeit der Herrschaft der Habsburger in Bosnien-Herzegowina. Es war der einzige schwache Gang. Dazu trank ich ein Glas Riesling aus Serbien von Aleksandrović. Ein Wein mit vollem Geschmack und intensiv blumig-fruchtigen Aromen.
Vierter Gang: Cevapi auf einem Kartoffelpüree mit einem Nuance von Knoblauch, gebeizte rote Zwiebel, Kajmak und Somun
Dazu gab es ein Glas David Cuvee Red, Podrumi Grge Vasilja. Ein ausgewogener Wein aus der bosnischen Rebsorte Blatina. Geschmacklich: Kirsche, schwarze Johannesbeere und milde Zartbitter-Schokolade
Cevapi
Fünfter Gang: Geräucherter Wolfsbarsch aus Wildfang, Soparnik, gebackener Knoblauch, Dillcreme und Zitronengelee
Dazu gab es ein Glas Plavac Mali, Bagur. ER präsentierte sich rubinrot, hell, glatt. Fruchtig, mit Noten von schwarzer Johannisbeere und Pflaume, wenig Säure/Gerbstoffe.
Erwähnenswert ist der Soparnik (Bild). Es ist ein herzhaftere dalmatinischer Mangoldkuchenaus der ehemaligen Republik Poljica, ein dünner Kuchen aus Teig, Mangold und Zwiebeln, der bereits seit Jahrhunderten traditionsgemäß in Dalmatien hergestellt wird. Wegen der bei seiner Zubereitung verwendeten billigen Zutaten galt der Soparnik auch als Fastenspeise, die oft am Karfreitag, zu Heiligabend oder vor Allerheiligen serviert wurde.
Soparnik
Fünfter Gang: Kalbsfilet bei 43° C sous vide gegart mit einer Thunfischsauce. Dazu Polenta mit Tomate und Grana Padano überbackene, gebeizten Pilzen und Pesto.
Hier bekam ich eine besondere Interpretation eines Vitello Tonato. Die Weinbegleitung war ein Primitivo, Danse Primitivo Pulgia. Ein sonnenverwöhnter Wein aus dem Süden Italiens. Mit diesem Gang wurde an die italienischen Einflüsse im Laufe der Jahrhunderte erinnert.
Das Kalbsfilet mit der Thunfischsauce war ausgezeichnet, die Polenta ein Traum.
Vitello Tonato ?
Sechster Gang – das Dessert: Weißes Schokoladeneis, Crumble, Kamillengelee, Himbeersauce
Zum Schluss sei der außergewöhnliche Service zu erwähnen, so gut wie man ihn selten findet.
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