Toettchen

Erbseneintopf wie beim westfälischen Schützenfest

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Samstag war Eintopftag – das war so sicher wie das Wäschewaschen am Dienstag, wenn dichte Wasserschwaden aus der offenen Tür der Waschküche ins Freie drangen. Das war noch zu einer Zeit, als zum Wäschewaschen der Kessel angeheizt werden musste. Im Keller war die Waschküche. Ja, eine Küche – denn dort wurde Wäsche gekocht, um sie schließlich mit einem großen, paddelähnlichem Wäscheholz zum Spülen in eines der beiden gemauerten Becken zu heben.

wassermotorBeständig lief Wasser aus einem dicken Schlauch. Manche Wäscheteile kamen auch in die „Waschmaschine“. Ein großer Bottich, in dem 4 Haken die Wäsche hin und her bewegten; angetrieben durch einen Wassermotor. Das war ein Kolbenmotor, der mit fließendem Wasser angetrieben wurde. Zum Schluss wurden die Wäschestücke durch zwei Rollen gepresst, die das Wasser herausdrückten.

So gab es für jeder Tag einen festen Ablauf. Nicht nur an den Tagen, sondern auch im Jahreskreis gab es regelmäßige Feste und sich ständige wiederholende Arbeiten. Dazu gehörte in der Zeit vor Ostern der Frühjahrsputz. Da wurden die Teppiche herausgetragen, die Matratzen kamen ans erste Sonnenlicht, die Schränke wurden von der Wand gerückt und ausgeleert. Innen wurden sie ausgewaschen und das Geschirr und sonstige Inhalte türmten sich auf den Tischen. An sich wäre es ja praktisch gewesen, wenn es an diesen Tagen Eintopf gegeben hätte, aber das war nicht so. Am Waschtag gab es Kotelett paniert mit Salzkartoffeln und Gemüse – immer. Was bis heute im Münsterland so geblieben ist, sind die Feste. Nun meine ich damit nicht die kirchlichen Feste wie Ostern und Weihnachten. Die werden überall gefeiert, mal mehr, mal weniger. Nein, im Münsterland gibt es auch Feste, die besonders wichtig sind. Und das wichtigste aller Feste ist das Schützenfest.

Von Pfingsten bis Jacobi (25. Juli) war früher die Schützenfestzeit. Gefeiert wurde von Freitagmittag bis Sonntag spät in die Nacht. Das war eine harte Zeit, hörte ich oft als Kind. Es wurde viel getrunken und man musste standfest sein. Zwischendurch ging die Männer heim, um mit einem Schläfchen den Alkoholpegel ein wenig zu senken. Dafür hofften dann die Frauen, dass er Abend wenigstens noch das ein oder andere Tänzchen absolvieren konnte. In dieser Hoffnung ermahnten sie beständig ihre Männer, doch nur Korn und nicht immer Doppelkorn zu trinken. Am Abend spielte dann im geschmückten Saal der Dorfgaststätte oder gar in einem Festzelt eine Kapelle zum Tanz auf. Die Männer tranken wieder Doppelkorn, die Frauen „Aufgesetzten“.

Ich liebte Schützenfeste, leider hatte meine Familie den Makel, dass niemand zu den Schützen gehörte. Bei uns wurde nicht geschossen, im Krieg nicht und erst recht nicht im Frieden, auch wenn es nur um den Spaß ging. Auch zum Festbetrieb ging niemand von uns, was uns Kinder aber nicht hinderte, dort herum zu lungern. Man kannte ja jedes und jeden. Dann ließ der Nachbar uns schon mal von seinem Bier den Schaum abtrinken und an der Zigarette ziehen. Aber das war es nicht, was mir am Schützenfest so gut gefiel. Nein, es war die Musik und das Essen. Aber zuerst zur Musik. Dazu sagte dann die Großmutter:
„Muorns kuёmt de Trumlers und Pfiefers un smiet een uut dat Bedde dan. Und dann gait et to Kiärke met alle Man, dän Häerguod to bidden um sine siängende Hand und zu gudder letzt maakt se eenen Gang, to´t Denkmmaol un denkt dao an de Ollen, de för´t Vaderland häbt ären Kop hänhollen. „* Und das alles wurde vom Spielmannszug begleitet.

SchellenbaumDieser Spielmannszug zog mich magisch an, vor allem der große Schellenbaum, der voran getragen wurde. Ich hätte stundenlang zuhören können, wenn der Marsch „Alte Kameraden“ gespielt wurde. So ging es dann zur Wiese vor dem Dorf, wo das Königsschießen stattfand. Und jetzt rundet sich meine kleine Geschichte, denn hier gab es „Eintopfessen“ – nicht „Blindhuhn“ oder „Graupensuppe mit Rindfleisch“ wie bei uns daheim am Samstag. Hier gab es Erbsensuppe aus der Gulaschkanone. Ich habe damals lange darüber nachgedacht, warum das Ding Kanone hieß und fand, dass Kanonen doch gar nicht so schlimm seien.

Diese Erbsensuppe war dick und sämig und drinnen waren Stücke vom ausgelösten „Schweinepfötchen“ und Scheiben von der allgegenwärtigen Mettwurst. Diese Mettwurst gab es dann auch noch am Abend. Da wurde sie aber mit einem Stück Brot und Butter gegessen und hieß „dreuged Endken“. An diesen Eintopf dachte ich so manches mal während des Jahres und sehnte ihn herbei. Ich bekam ihn schon mal hie und da zu essen, denn andere Familien kochten ihn immer wieder an ihrem Eintopftag. Nur bei uns daheim gab es ihn nicht.
schuetzenfest
Erbseneintopf wie auf dem Schützenfest
Zutaten
500 g getrocknete Schälerbsen (grün)
1 Stück Knollensellerie
1 Karotte
1 Stange Lauch
1 große Zwiebel
4 Kartoffeln
4 Mettwürstchen
2 Schweinepfötchen
Majoran
Liebstöckel
Lorbeerblatt
2 Melken
Salz und Pfeffer

Zubereitung
Die Erbsen werden am Vorabend eingeweicht. Die die oben schwimmen sucht man heraus und gibt sie den Hühnern (so man hat).
Die Schweinepfötchen werden mit 3 l Wasser aufgesetzt und mit einem Lorbeerblatt und 2 Nelken gegart. Dann nimmt man sie heraus und lässt sie abkühlen.
In den Sud gibt man jetzt die Erbsen, die geschälten und gewürfelten Kartoffeln, den Lauch in Ringe geschnitten, die Sellerie und Möhre in Würfel geschnitten und die Kräuter und lässt alles langsam köcheln.
Wenn die Schweinepfötchen nur noch lauwarm sind, werden sie sorgsam abgesucht und das Fleisch kommt in die Suppe. Jetzt gibt man auch die Mettwürste dazu. Man muss sie aber nicht in Scheiben schneiden, wenn man so eine kleine Menge kocht.
Zum Schluss wird alles mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt.

Dazu schmeckt ein kühles Bier.

* Morgens kommen die Trommler und Pfeifer und werfen aus dem Bett. Dann geht es in die Kirche, um den Herrgott um seine segnende Hand zu bitten und zu guter letzt marschierten sie zum Denkmal (Kriegerdenkmal), um an die Alten zu denken, die für das Vaterland den Kopf hingehalten haben.

Marsch: Alte Kameraden
Das Bild vom Schellenbaum ist von der Internetseite: http://www.schuetzen-hoengen.de/

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10 Kommentare

  1. Sehr schöner Bericht aus der Jugendzeit, der mich einige Male zum Schmunzeln brachte. Das Waschen ging ähnlich vor sich bei uns, einmal pro Monat grosser Waschtag. Bei uns stand eine Badewanne in der Waschküche. Der Kessel wurde am Samstagabend angefeuert und das heisse Wasser mit grossem Schöpfer, wie ein Güllenschöpfer, in die Wanne gegeben für das wöchentliche Bad. Man hört, zuerst seien die Mädchen gebadet worden, dann die Buben, Mutter und zuletzt Vater, im gleichen Wasser. Das war bei uns nicht so, da kam der Vater zuerst …… nein nein, es gab für alle neues Wasser, der Kessel war gross.
    Und Mutter gab Wienerli in die Grünerbssuppe, Mettwurst ist/war in der Schweiz eine Streichwurst.

    • Wie sich die Kulturen ähneln. Nur die Wurstbegriffe nicht: Mettwurst = Streichwurst. Als ich es zum ersten mal hörte, konnte ich es nicht glauben. Ich war in der Schule in England und eine Mitschülerin aus Stuttgart bekam von daheim ein Paket mit Mettwurst. Das war auch Streichwurst. Phonetisch gleich sind auch ja auch Servelat und Zervelat = Brühwurst zum Grillen (und auch anders gut zum Essen) und ungemein beliebt in der Schweiz und diese Salami-Variante ungemein beliebt in Westfalen.

      • Ja, eigenartig, dass so verschiedene Würste beinahe gleich heissen. Beinahe schweizweit wird der Cervelat übrigens mit C geschrieben. Zu meiner Jugendzeit gab es im St.Galliischen, dem Mutterland aller Brühwürste, wie die St.Galler glauben, Servila und Salam, sehr ähnlich, der Salam etwas fester, dünner und länger als der Servila. Eines Tages hiess der Servila oder eine Abart davon dann Stumpen, der heute, soviel mir bekannt ist, auch Cervelat heisst. Der billigere Salam, der so total anders war als der Salami, ist ausgestorben.

        • Servila kannte ich auch noch, dann ebenfalls den Begriff Stumpen – aber Salam noch nicht. Wenn ich wieder in der Ostschweiz bin, muss ich einmal herumhören.

          • Vermutlich war Salam die Halal-Version des Servila, oder doch nicht, denn zu jener Zeit wusste noch niemand davon :-)

  2. Ich habe, bis auf die Waschküche, die ich nur aus den Erzählungen der Ur-Großmutter kenne, ähnliche Erinnerungen (komme aus Nord-Ost-Niedersachsen). :-) Allerdings war mein Opa im Schützenverein und im Schwarzen Chor (warum hieß der eigentlich so?) und die Erbsensuppe liebe ich auch sehr. Ewig nicht gegessen. Wer weiß, vielleicht sollte ich Herrn. H. mal wieder eine Freude machen? ;-)
    Liebe Grüße,
    Eva

  3. Ihr hattet eine Waschmaschine? Luxusgeschöpfe! Bei meiner Mama war das alles Handarbeit, die hatte eine Waschrumpel – also so ein Brett mit Rillen, über die man die Wäsche schrubbte. Keine Ahnung, ob heutige Textilien das überhaupt aushalten würden. Und nach dem Waschen ging die Mama mit mir zum kleinen Bach auf der anderen Seite der Straße, in dem Bach wurde die seifige Wäsche gespült. Also wir haben jede Woche eine ökologische Katastrophe angerichtet, aber das war für alle im Dorf normal, das war halt damals so.
    Wenn ich so zurückdenke: Mit dem goldenen Löffel im Mund bin ich wirklich nicht aufgewachsen, aber es war trotzdem schön.

    Mit Erbsensuppe aus getrockneten Erbsen habe ich es normalerweise nicht so, aber auf das Foto warte ich gespannt.

    • Die Suppe köchelt bereits und morgen kommt das Foto.

      Diese Wäscherei Deiner Mutter habe ich selber vor 30 Jahren noch in Gebirgsdörfern im Piemont kennengelernt. Gott sei Dank haben wir es einfacher.

  4. Diese Art der Wäsche wurde auch bei meiner Oma noch praktiziert. Und das in einem Mietshaus mitten in der Nürnberger Innenstadt. Das Waschaus war ein kleines Gebäude im Hinterhof des Hauses und alle Nachbarinnen waren an der Tätigkeit irgendwie beteiligt.
    Schön war die Aufgabe für die Frauen sicher nicht. Aber mich hat es als Kind total fasziniert.

    Mit leckerem Gruß, Peter

    • Wäschewaschen hatte wirklich eine unglaubliche Faszination in sich. Dieses Gewusel, der Dampf, die Gerüche und die Stimmen der Frauen in der Waschküche schufen eine ganz eigene Atmosphäre.

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