Somun – Zum 1. Tag des Ramadan in Sarajevo

Umarmt von den umliegenden Hügeln, liegt Sarajevo am Fuße eines langgestreckten Tals. Dieses Jahr war es zum Beginn des Ramadan mein erstes Reiseziel. Sarajevo ist eine multikulturelle Stadt und trägt den Beinamen „Jerusalem des Balkan“. Auch wenn hier die großen Religionen mit abrahamitischen Wurzeln friedlich nebeneinander leben, wird sie dem Beinamen nicht mehr gerecht. Durch die ethnischen Säuberungen während des jugoslawischen Bürgerkriegs sind viele Muslime aus dem umliegendem Land in die Stadt geflüchtet. Heute stellen sie eine bedeutende Mehrheit, was aber im Alltag unproblematisch scheint.

Kurz vor Sonnenuntergang

Bevor am ersten Tag des Ramadan die Sonne hinter den Hügeln von Sarajevo untergeht, versammeln sich viele Menschen auf  der Gelben Bastion, zehn Gehminuten vom Herzen der Altstadt Basacarsija entfernt, und warten auf einen Kanonenschuss, der das Ende des ersten Fastentages und damit das Fastenbrechen markiert .

Die Gelbe Bastion wurde während der osmanischen Herrschaft im 18. Jahrhundert als Verteidigungsbau errichtet, und seitdem wird dort während des Ramadan eine Kanone abgefeuert, um das Ende des Fastentages für die Muslime der Stadt anzuzeigen. In jedem Jahr ist es immer der gleiche Schütze, der Tag für Tag bei Sonnenuntergang bis zum letzten Tag des Ramadan, das Zuckerfest, die Kanone abfeuert, wobei er dabei einen traditionellen bosnischen Fez trägt.

Blick auf die gelbe Bastei

Ob alle gefastet haben oder nicht, viele Sarajevoner versammeln sich auf Decken und mit Picknicktischen versorgt auf der Bastei, wenn die Kanone abgefeuert wird. Während der Knall das Tal hinunter hallt, leuchten zeitgleich die Lichter an den Minarette der Stadt auf.

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Kalender. Für die Muslime weltweit ist es ein heiliger Monat, denn der Überlieferung nach hat gerade in diesem Monat die Offenbarung des Korans begonnen. Es herrscht ebenfalls der Glaube, dass während des Ramadan die Teufel in Fesseln geschlagen sind, und die Engel Gott um Vergebung für jeden Gläubigen bitten. Um die Festigkeit ihres Glaubens zu beweisen, die Gunst von Gott und von den Engeln zu gewinnen, um somit die Vergebung ihrer Sünden zu erwirken, fasten die Gläubigen weltweit während des Ramadan. Das muslimische Fasten besteht aus dem vollständigen Verzicht auf Essen und Trinken von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Wichtig ist auch die geistige Hygiene, so dass auch der Verzicht auf schlechte Gedanken und schlechte Werke erwartet wird.

Das Fasten des Tages wird unterbrochen, indem man ein Glas frische Limonade trinkt, bevor man eine Dattel isst, das Essen, das Maryam laut Koran gegessen hat, als sie Isa geboren hat. Die am Ende des Tages eingenommene Mahlzeit ist als Iftar bekannt und besteht aus traditionellen bosnischen Gerichten. Dazu gehört während des Ramadan Somun , einer Art Fladenbrot.

Ich stieg langsam die engen, steilen Straßen im Stadtteil Vratnik hinauf , vorbei an einigen Bäckereien, vor denen sich lange Schlangen bildeten. Jeder war zufrieden, niemand murrte ob des langen Wartens.

Gerade die Regeln des Ramadan sind der Grund für das gute Benehmen in den manchmal bis zu fünfzig Meter langen Schlangen vor den altstädtischen Bäckereien, während man auf das kleine Fladenbrot, den „Somun“ mit Schwarzkümmel wartet. Ohne den Somun lässt sich der Iftar, das Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, nicht einmal vorstellen. 

Somun ist eine Art kleines Brot, das in der bosnischen Tradition einen wichtigen Platz im Ramadan-Menü einnimmt. Obwohl diese Brote das ganze Jahr über in Bäckereien gekauft werden können, haben Somuni in der Zeit des Ramadan den besten Duft. Deshalb sagen die Leute, dass der Geruch von Somun der Geruch von Ramadan ist.

Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Fladenbrot (Lepinja) und dem Ramadan-Somun besteht darin, dass Ramadan-Somuni mit Schwarzkümmel bestreut werden, was ihnen einen besonderen Geschmack und Geruch verleiht, der die Menschen einfach dazu verleitet, in der nächsten Bäckerei vorbeizuschauen. 

In Bosnien gibt es eine jahrhunderte alte Tradition der Herstellung von Somuni . Obwohl es die einfachste Brotsorte ist, für deren Herstellung nur Mehl, Salz und Wasser benötigt werden, können nur echte Meister des Handwerks gutes  Ramadan-Sumoni herstelllen.   Jede Siedlung in den Stadtteilen  hat  ihre Bäckereien, in der die besten Somuni hergestellt werden. 

Neben dem Teig spielt auch beim Backen das Feuer für die Qualität der Somuni eine Rolle . Es gab Versuche, die Herstellung zu modernisieren und mit Gas oder Öl betriebenen Öfen zu backen. Die Praxis hat jedoch gezeigt, dass Somuni am besten in den alten Holzöfen gebacken werden. Einer der Gründe, warum Somuni so besonders sind.

Die Zubereitung dieses kleinen Fladenbrotes nimmt viel mehr Zeit in Anspruch als das Backen. Der Teig wird mit kaltem Wasser hergestellt und bei sehr hoher Temperatur gebacken. Die Backtemperatur ist so hoch, dass die Backzeit nur 45 Sekunden bis zwei Minuten lang währt. Um der Hitze nicht zu sehr ausgesetzt zu sein, verwenden die Bäcker große Holzspatel mit langen Griffen, um Somuni in den Ofen zu schieben und herauszunehmen.

Eine weitere Besonderheit von Somun ist das Muster auf der Oberseite, das an ein Mušebak erinnert , ein Holzgitter an den Fenstern von Frauenzimmern in einem muslimischen Haus.  Es ist nicht bekannt warum, aber Somuni werden in allen Bäckereien meistens von Männern geknetet und gebacken.

Beim Iftar versammeln sich Familien, Freunde, Nachbarn. Dabei essen Fastende und Nichtfastende, Muslime und Nichtmuslime zusammen, und die Reichen teilen beim Iftar mit den Armen. Den Iftar kann man zu Hause einnehmen, aber auch in Restaurants und Gaststätten, in denen kein Alkohol ausgeschenkt wird. Überall in der Stadt steht auf Schildern „Ramazan Mubarak“ und jedes Restaurant bietet ein festliches Iftar-Menü. 

Während ich weiter den Hügel hinaufstieg, leerten sich die Strassen, die sich aber bald nach dem Iftar wieder füllten und das pulsierende Leben kehrte zurück. Bei jedem Schritt spürt man eine feierliche Atmosphäre: Die Menschen genießen das Essen, das Trinken, die Gespräche und das Miteinander-Sein. Die Moscheehöfe sind beleuchtet, die Moscheetore geöffnet, an den Minaretten wehen grüne islamische Fahnen mit Halbmond und Stern. Wenn es vollkommen dunkel wird, rufen die Muezzins die Gläubigen zum Tarawih-Gebet, dem letzten Gebet des Tages. Das Tarawih-Gebet ist ein Gebet, das nur während des Ramadan abgehalten wird und es ist erheblich länger als die anderen Gebete, so dass man im Volk, wenn jemand eine längere Rede hält, sagt: „Zieht er in die Länge wie das Tarawih-Gebet!“

Nach dem Tarawih-Gebet leert sich die Stadt langsam und wird still. Die gläubigen Fastenden sind nun in ihren Häusern, häufig beim Gebet, und warten auf Sehur, die letzte Mahlzeit vor der Morgendämmerung und vor dem Beginn des neuen Fastentags. Viele Gläubige fasten den ganzen Ramadan und beschweren sich nicht. Ganz im Gegenteil! Sie halten die geistige und körperliche Fähigkeit, den ganzen Ramadan fasten zu können, für eine Belohnung Allahs.

So war es immer in Sarajevo und so wird es wohl immer sein.