19. Juni 2013 – Matjestag

Wilhelm Beukelzoon kam aus Biervliet, einem kleinen Fischernest in ‚Zeeuws Vlaanderen‘ (Niederlande). Er machte 1395 die Entdeckung, die seine Heimat für immer verändern sollte und sie zur Großmacht des Herings erhob. Beukelzoon erfand den Kehlschnitt. Das klingt grausam, ist aber eine gute Idee.
Der Hering, wenn er an Bord kommt, ist wie jeder frische Fang, vom Verderb bedroht. Beukelzoon nahm Stück für Stück zur Hand, schnitt jeden einzelnen Fisch unter dem Maul zwischen den Kiemenbögen auf, entnahm die Eingeweide und ließ — damals wohl eher durch Zufall — die Bauspeicheldrüse des Fisches im ausgenommenen Tier. So flog der Hering in die Tonne, Salz kam dazu und es bildete sich eine Pökel-Lake, die es erlaubte, den Fisch länger aufzubewahren. Der Matjes war erfunden.
Das Prinzip ist seither gleich geblieben. Karl V., römischer Kaiser deutscher Nation, in dessen Reich die Sonne nie unterging, er regierte von Dänemark bis Südspanien, besuchte etwa zweihundert Jahre später das Grab des Beukelzoon und leerte einen Humpen flämischen Bieres zu seinem Gedächtnis — der Fischer aus Biervliet hatte ein Heringsimperium in ganz Europa begründet.
Seit seiner Erfindung konnte man Hering über längere Strecken in Fässern transportieren. Das Verfahren machte die Runde, überall an Hollands Küste wuchsen die Heringsstädte in die Höhe, mit Hering wurde ihr Reichtum begründet. Von des Kaisers Gnaden darf man den „Hering nicht vermischen oder verändern“ — bis heute nicht.
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Und wie kam der Matjes nach Deutschland? Der „Alte Fritz“, Friedrich der Große, wusste die holländischen Baumeister besonders zu schätzen – sie bauten für ihn Schloss Sanssouci. Es lag auf sumpfigen Grund, und die Holländer konnten mit Feuchtgebieten gut umgehen. Sie brachten ihre Genussmittel mit nach Preußen: den Tobak, die Kartoffeln – und den Hering, den Matjes, von ihren Küsten.
Der König befahl seinen Soldaten: „Hering und Kartoffeln soll er fressen.“ Tonpfeife und Matjes schmückten ab jetzt den Helm des Preußischen Wachoffiziers und hielten Leib und Seele zusammen.

Nicht nur Wein und Cognac werden in Eichenfässern gelagert, sondern auch der Matjes. Das Wort »Matjes« kommt vom niederländischen »Maatjesharing« oder »Maagdenharing«, was so viel wie Jungfrauenhering bedeutet und sich auf die geschlechtliche Unreife der gefangenen Fischlein bezieht. Denn das Besondere am Matjes ist, dass er gefangen wird, noch bevor seine Fortpflanzungszeit beginnt. Die ausgenommenen Heringe werden anschließend, traditionell in Eichenfässern, für fünf Tage in einer Salzlake eingelegt, was sie besonders mild werden lässt. Dadurch wird das ohnehin bereits gut verdauliche Fischeiweiß noch leichter verdaulich.

… und morgen ist der 19 Juni – das ist 2013 der Matjestag. Die ersten diesjährigen jungen Matjes werden verkauft. An vielen Orten wird das Fest gefeiert und oft wird ein kleines Fässchen mit Matjes für einen wohltätigen Zweck versteigert. Dieses Jahr ist der Matjestag etwas später. Der jetzt gefangene Hering hat wegen der schlechten Witterung der letzten Wochen zu wenig Nahrung gefunden. Somit fehlt ihm die richtige Qualität, um zum Holländischen Matjes verarbeitet zu werden: Denn nur aus einem Hering mit dem richtigen Fettanteil kann ein guter Matjes werden.

Am vergangenen Wochenende gab es bei mir Rauchmatjes mit Schnibbelbohnen, die hatte ich hier bereits vorgestellt. Ab dem 19. Juni gibt es dann hier regelmäßig und in kurzen Abständen Matjesrezepte! Und wer sie einfach frisch ganz ohne genießen will, der sagt am besten: „Kopp in Nacken un‘ los!“ Ganz frische Matjes isst man am besten in einem Haps.

Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet und „Grüner Hering gebraten“

Wieder einmal führte mich mein Weg in eine der Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet. Für die Sozialgeschichte des Ruhrgebiets und die städtebauliche Gegenwart sind die vielfältigen Siedlungen besonders aufschlussreich. Sie erlauben einen authentischen Einblick in das Leben der Region. Es gibt ja noch viele dieser Siedlungen aus der frühen Zeit der Industrialisierung. Als mit der untergehenden Montanindustrie sich die Struktur im Ruhrgebiet wandelte, wechselten oft die Eigentümer und nach und nach kam das Bewusstsein auf, dass wir es hier mit Kulturdenkmälern zu tun haben. Unter den noch bestehenden Siedlungen gehört die Margarethenhöhe in Essen und die Siedlung Rheinpreußen in Duisburg-Hamborn zu den bekanntesten.
Die Bilder in diesem Beitrag sind Dokumente aus Duisburg. Die abgebildete Straße ist die Schillerstraße im „Dichterviertel“. Auf einer Fläche von ca. 15 ha errichtete die Gewerkschaft Deutscher Kaiser in den ersten eineinhalb Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts 370 zwei- bis dreigeschossige Gebäude, um die neuen Arbeitskräfte in unmittelbarer Nähe zu ihrer Grube unterbringen zu können.
Schillerstraße im Dichterviertel in Duisburg Marxloh
Die Häuser entstanden in Blockrandbebauung um Innenhöfe, die teilweise so groß sind, dass „eine Go-Kart-Bahn dort Platz finden würde“, wie der Volksmund meint. Um mehr Menschen auf gleicher Fläche unterzubringen, baute man in die Höhe, bot Etagenwohnungen an und verzichtete auf Vorgärten. Jeweils vier oder mehr Häuser sind zu einer Zeile zusammengefasst und haben eine einheitliche Fassadengestaltung. So wirken die Häuser großzügiger, als sie es sind, weil von der Straßenseite aus nicht zu erkennen ist, wie viele Wohnungen sich in einer Häuserzeile befinden bzw. wie viele Menschen in der Siedlung untergebracht waren.

Schatz-Schlemmerecke in Duisburg-Süd (Huckingen)



Seit einigen Jahren werden die Häuser aufwendig modernisiert, um das soziale Gefüge zu stabilisieren. Im Laufe der Jahre gab es einen hohen demographischen Wandel, und es leben sehr viele Türken hier. Marxloh hat nicht zu Unrecht den Beinamen Klein Istanbul. Weit bekannt ist die Weseler Straße, die streckenweise fast vollständig von türkischen Läden gesäumt ist, die Brautkleider und -schmuck anbieten und neben Käufern aus einem großen Umkreis auch Neugierige von weit her anzieht. Daneben gibt es eine große Zahl diverser Imbissangebote mit der neuen deutschen Küche: „Döner“. Aber auch türkische Bäckereien, die die Vielfalt ihrer Angebote im Schaufenster präsentieren. Und durchs Schaufenster kann ich auch sehen, wie die Bäcker arbeiten. Jeder hat seinen eigenen Stil, seine eigenen Kreationen, und ich denke mit Wehmut an die gute alte Zeit, als es nicht überwiegend Bäckereiketten mit unzähligen Filialen gab. Viele klassische Trinkhallen und Büdchen sind verschwunden. Eine Imbissinstitution ist geblieben: Die Schlemmerecke in Duisburg-Süd. 1962 eröffnete das Ehepaar Schatz die Bude an der Mündelheimer Straße. Hier in Duisburg-Huckingen stehen die Leute mittags für Currywurst und „Pommes Schranke“ Schlange. Dafür nimmt mancher auch gerne mal einen Umweg in Kauf.
Das alles gab es noch nicht, als die Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet entstanden. Das Essen war einfach und deftig. Wenn es in einer Familie gebratene grüne Heringe gab, konnte man es in der ganzen Siedlung riechen. Und Heringe gab es damals oft.

1kg grüne Heringe
Essig
40 g Butter oder Schmalz
Salz und Mehl zum Wenden

Grüne Heringe schuppen, ausnehmen, waschen und mit Essig (heute würde ich Zitronensaft nehmen) beträufeln und 10 Minuten stehen lassen. Danach werden die Heringe gesalzen, in Mehl gewendet und in heißem Fett auf beiden Seiten gebraten. Mit Zwiebelringen und Zitronenscheiben isst man sie zu Kartoffelsalat.

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