3 Tage Berlin – AEG + Curry Wurst + Otto

Berlin als Stadt ist eigentlich ein Spätentwickler. Auch wenn man es sich kaum vorstellen kann, vor nicht einmal 200 Jahren hatte es einen rein ländlichen Charakter.  Mit der Nutzung der Dampfkraft kam die Eisenbahn und mit der Eisenbahn begann die Industrialisierung von Berlin. Unterstützt wurde dies durch ein leistungsfähiges Wasserstraßennetz, das die Ansiedlung von Fabriken beschleunigte.

Ein Jahrhundert zuvor hatte König Friedrich II. von Preußen Siedler angeworben, um das Berliner Umland zu bewirtschaften. Da waren viele Hugenotten die hier Zuflucht suchten und später entscheidend das Berliner Stadtbild mit prägten. Sie kamen mit der Vorstellung, Landwirtschaft und Handwerk zu betreiben. Doch die Landwirtschaft auf den sandigen und sumpfigen Böden Brandenburgs gedieh nie so recht. Es herrschte Not und diese trieb die Menschen in die Stadt. In den Fabriken wurden Arbeitskräfte gebraucht. Hier erwarteten sie ein besseres Leben. Die Wirklichkeit sah anders aus, das Leben der Arbeiter war elend und verbesserte sich nicht.  Eindrucksvoll kann man das noch heute im Werk des Malers und Fotographen „Heinrich Zille“ sehen.

Beamtentor

In den Vorstädten entstanden Pionierunternehmen, die zum Kern erster Industriegebiete wurden. Berlin wurde das „Birmingham in der Mark“ genannt. In dieser Zeit erkannte der Berliner Unternehmer Emil Rathenau die Bedeutung der Elektrizität und gründete die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“ aus der wenige Jahre später die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) hervorging, die zu einem der größten Konzerne der Welt heranwuchs. Die ersten Gebäude wurden an Ackerstraße und Hussitenstraße in Wedding errichtet und stehen heute unter Denkmalschutz.

Wir spazierten von der Hussitenstraße zur Brunnenstraße, wo die imposanten großen Montagehallen noch zu sehen sind. Alles in Backstein gebaut, lässt sich erahnen, welch bedeutendes Unternehmen es einst war. Von hier führte uns unser Weg durch den Humboldthain, einer grünen Oase inmitten der hektischen Stadt und ein vielseitiger Volkspark mit Rasenflächen, Rosengarten, Spielplätzen und Freibad. Unser Ziel war „Curry Baude“ neben der ehemaligen  U-Bahn Station Gesundbrunnen.

Curry-Wurst – da streiten sich die Geister, wer der oder die Erfinder(in) der Curry-Wurst war und wo dies geschah. Gleich drei Regionen streiten sich darum: Hamburg (bestimmt nicht. Das behauptet nur der Schriftsteller Uwe Timm, der bereits 1947 eine bei Frau Brücker, an deren Wurstbude auf dem Großneumarkt windig, schmutzig und Kopfstein gepflastert in Hamburg gegessen haben will.) – das Ruhrgebiet, das ist schon wahrscheinlicher, aber nicht so sicher wie  Berlin. Die Berliner sagen, dass die Curry Wurst vor 70 Jahren von Herta Heuwer in Charlottenburg erfunden wurde. – Food Historiker behaupten allerdings, dass an der Entwicklung der speziellen Sauce mehrere Berliner Wurstverkäufer beteiligt  gewesen sein sollen. Eins ist sicher: Herta Heuwer hat sich ihre Spezial-Sauce unter dem Namen „Chillup“ patentieren lassen.

Heute streitet man sich darüber, wer die beste Curry Wurst der Stadt hat. Einschlägige Reiseführer nennen da „Konopke“ und „Curry 36“. Wie ich mir sagen ließ. Zu „Konopke“ geht der Osten, zu „Curry 36“ die Touristen, aber echte Kenner gehen zu „Curry-Baude“. Seit dreißig Jahren bietet hier die Familie Reimann Würste feil. Sie haben sich nie irgendwelchen Trends angepasst, sondern sind immer geblieben, was sie waren:  Würste, Bouletten und Schnitzel stammen aus der eigenen Fleischerei. Hier direkt beim Meister schmeckt es unter anderem auch deshalb so gut, weil die geheime Curry-Sauce optimal auf die Wurst abgestimmt ist – das genaue Rezept wird natürlich nie im Leben verraten. Ich habe mich von meinem Sohn leiten lassen und ich bin fest überzeugt: Curry Baude ist die Wurstbude meines Herzens.

Man muss etwas anstehen, dann der Genuss. Rundherum zufriedene Gesichter.

Unweit von Curry Baude geht es in die Berliner Unterwelt. Das ist eine Vereinigung, die Einblicke die „Berliner Unterwelten“ bietet; in Gegenwärtiges und Vergangenes das so unter der Stadt passiert oder passierte. Unter anderem kann man den Tunnel besichtigen, den Emil Rathenau bauen ließ, um das Hauptwerk der AEG mit dem Kleinmotorenwek in der Ackerstraße zu verbinden. Unser Ziel war aber die Ausstellung: Mythos Germania.

Hinab geht es in  geheimnisvolle verborgene Räume, die erst vor einigen Jahren unter dem Gesundbrunnen wiederentdeckt wurden. Hier zeigt man, was Hitlers Pläne für Berlin waren. Berlin hätte nicht mehr als Lebensraum der Bewohner gedient, sondern als Repräsentationsraum des Regimes. Das was gezeigt wird, ist nahezu unfassbar und macht betroffen.

Am Abend waren wir bei Otto. Unscheinbar liegt es in der Odenberger Straße 56 in Berlin. Ich zitiere einfach was der Guide Michelin schreibt: „Sympathisch-lebendig geht es in diesem kleinen Restaurant mit offener Küche zu. Mittags gibt es ein Tagesgericht nebst vegetarischer Variante, abends eine etwas größere Auswahl an Speisen, die sich auch zum Teilen anbieten. Gekocht wird modern-reduziert und mit nordischem Einschlag, basierend auf Produkten aus der Umgebung. Vor dem Haus eine kleine Terrasse – dank Pavillon sogar im Winter.“

gegrillter Saibling

„Das „Otto” in Berlin wurde für seine natürliche Küche mit den besten Zutaten aus Brandenburg gefeiert“, schreibt die FAZ. Koch Vadim Otto Ursus und Restaurantleiterin Cate Gowers haben mit dem „Otto” einen kleinen Ort geschaffen, an dem Großes passiert. 

Genau so habe ich es auch erlebt. Herausragend waren die dehydrierten roten Beete, die in Schlehensaft eingelegt wieder einen schönen tiefen Geschmack entfalteten. Ebenfalls die gebratene, marinierte Maräne war etwas Besonderes. Im Bild der gegrillte Saibling mit Wildkräutersalat.

Eine Entdeckung für uns war die Weinempfehlung: Bittersüß und ungeschönt sind die Weine von Martin Otto Wörner. Komplex aber trinkfreudig müssen seine Weine sein. Genau wie der Marto 2020 weiß! Dieses naturtrübe, ungeschönte Cuvée ist würzig, zitronig und ein kleines bisschen bitter. In anderen Worten: genau richtig.

Die Gangfolge im Otto (unter anderem dieser wunderbar gegrillteSaibling mit Wildkräutersalat)  inspirierte mich zu einer Zusammenstellung für ein gemeinsames Abendessen mit Freunden, die ich „Rund um den See“ nenne. Alles Produkte aus oder von den Ufern des Bodensees und der näheren Umgebung:

Forelle (aus Wildfang) gebraten und in Wein und Bodensee-Verjus mit Gewürzen mariniert
Forelle geräuchert auf einem Linsensalat
Forelle gebeizt mit roter Beete und Lakritz verarbeitet zu einem Tatar an einem Kräuterdressing
Marinierte Eier mit Kräutern und Paprikaschote
Frischkäse aus der Dorfsennerei Böserscheidegg (Allgäu)
Schinken und Speckwurst von Englert in Honstetten
Marinierte Pilze
Sauerteigbrot von der Bäckerei Stadelhofer
Bio-Heumilchbutter aus der Dorfkäserei Geifertshofen (Hohenlohe)

Zutaten:
4 kleine Forellen
Mehl
Salz und Pfeffer
Bratbutter
2 dicke Zwiebeln
½ l Verjus
½ l herber Wein (es kann ein Rest sein)
3 Lorbeerblätter
1 EL Wacholderbeeren
1 TL Senfsaat
4 EL Zucker
1 Zitrone

Zubereitung:

Die Forellen säubern, mehlieren, salzen und in dem Butterfett braten. Beiseite stellen, damit sie abkühlen.

Die Zwiebeln in dicke Scheiben schneiden.

Die Gewürze in einer Pfanne trocken anrösten, bis sie duften und dann den Wein, Verjus und die Zwiebeln zugeben. Den Zucker einrühren, bis er sich aufgelöst hat. Die Zitrone in Scheiben in die heiße Brühe geben. Dann beiseite stellen und abkühlen lassen.

Die abgekühlte Beize über die abgekühlten Fische geben und das Ganze einige Tage (mindestens 3 Tage kühl stehen lassen)

Dazu passen Bratkartoffeln und Salat.