Ein Fest der Kinder, Blumen und Freundschaft – Solätte 2015

Es ist der letzte Junisonntag 2015. Am Abend beginnt die 279. Solätte in Burgdorf (CH). Alle hier fiebern ihr entgegen. Wird das Wetter halten? In den letzten Jahren regnete es in Strömen. Wie wird es dieses Jahr. Ich bin Gast und spüre nur die Aufregung, die alle befallen hat. Seit Tagen reden alle von Blumen, die man für die Solätte braucht. Am Nachmittag wurden dann Blumenbögen und Biedermeiersträußchen gebunden.
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Es ist Sonntagabend und mit dem Zapfenstreich und dem Umzug der Kadettenmusik beginnen die alljährlichen Feierlichkeiten. Überall drängen sich fröhliche Menschen, treffen sich Freunde wieder, die zur Solätte für diesen Tag in ihre Heimat zurückgekommen sind. Wir sitzen in einer der Straßengaststätten und trinken Wein und Bowle. Kinder lachen, überall fröhliche Stimmen und im Hintergrund die Melodien des Platzkonzertes der Kadettenmusik. Spät geht es heim, durch die langsam wieder ruhig werdende Stadt.
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Montag früh: Das Wetter hat gehalten. Einige Schleierwolken ziehen über den gestern noch strahlend blauen Himmel. Um sieben Uhr früh läutet die große Glocke. Jetzt ist Burgdorf im Ausnahmezustand, denn die ganze Stadt ist auf den Beinen, um den Umzügen der Burgdorfer Jugend und der Musikgesellschaften beizuwohnen und abends die Feststimmung zu geniessen. Früh beginnt der Morgenumzug der Schulen und Kadettenmusik durch die Altstadt, wobei die Mädchen weiße Röcke und Blumenkränze auf den Haaren tragen und die Knaben in weiße Hemden und schwarze Hosen gekleidet sind.
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Inzwischen hat der Himmel vollkommen zugezogen. Wir hoffen, dass es keinen Regen gibt. Das ist typisches Solättewetter, werde ich aufgeklärt. Das Ziel ist die Stadtkirche, wo ein Gottesdienst stattfindet und die Erstklässler von den Mitgliedern der Schulkommission eine Gedenkmünze erhalten. Die Schüler, die dieses Jahr die Schule abschließen, werden anschließend verabschiedet. Die Solätterede hielt ein ehemaliger Auslandskorrespondent des Schweizer Radio und Fernsehens. Er sprach über die Zeit, als er als junger Journalist, noch im Studium, nach Burgdorf geschickt wurde, um für die Berner Zeitung einen Bericht zu schreiben. Er hatte nichts besonderes erwartet. Während er so auf irgendwelchen Stufen saß, kam ein Mädchen auf ihn zu und fragte, ob er mit ihr gehen möchte. Er war ganz verwundert, denn sie gab ihm ein „Müntschi“, und sie schmeckte so gut nach Käsekuchen, erzählte er. Und nichts hatte er dafür tun müssen, betonte er auch noch. Ach ja, ein Müntschi ist ein Kuss, wie ihr Euch schon dachtet.
Als wir die Kirche verlassen, strahlt die Sonne und in der Ferne sind die Alpen zu sehen.
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Es geht heimwärts. Vorher machen wir bei der Confiserie Widmer in der Oberstadt eine Pause und holen auch unseren bestellten Erdbeer- und Käsekuchen ab. Wir sind nicht die einzigen, die Menschen drängen in den Laden. Erdbeer- und Käsekuchen ist das traditionelle Solätteessen.
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Burgdorf ist das Tor zum Emmental unweit von Bern gelegen. Der Name ist irreführend, denn es gibt keine Burg sondern ein Schloss, und das Dorf ist eine Stadt. 1175 taucht der Name das erste mal als „Burtorf“ in Urkunden auf. Das Schloss steht trutzig auf einem Sandsteinfelsen hoch über der Emme und ist das dominante Wahrzeichen der Stadt.

Von Ferne hören die Zuschauer, die erwartungsvoll am Straßenrand stehen, die Trommelklänge. Der Nachmittagsumzug hat begonnen und führt  durch die Altstadt auf die Schützenmatt. Kunterbunt gemischt ziehen bald verschiedene Gruppen und Musikgesellschaften an uns vorbei. Dazwischen immer wieder ganz Schulklassen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern. Zuerst die ganz Kleinen die Blumenkörbe tragen, später die Großen, die die Blumenbögen emporhalten. Der Zug führt zur Schützenmatt, wo sich Wettkämpfe und Tänze abwechseln. Schließlich endet alles in einem Volksfest, das oft bis in die frühen Morgenstunden dauert.
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Die Solätte, wie sie liebevoll im Berndeutsch genannt wird, heißt eigentlich Solennität. Solennität wiederum ist Latein und heißt ganz einfach „Feier“ auf Hochdeutsch. Aber das spricht hier eh niemand. Dieses Schuljugend- und Blumenfest ist wie ein unsichtbares Band, das die verschiedenen Generationen in Burgdorf verbindet. An diesem Tag kommen all die Burgdorfer, die es können, wieder in ihrer Stadt zusammen. Manche haben kurze Wege, andere kommen sogar aus Übersee. Man vergisst sich nicht, trifft sich wieder, alte Freundschaften werden bekräftigt oder leben wieder auf. Neue Freundschaften entstehen.
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13 Kommentare zu Ein Fest der Kinder, Blumen und Freundschaft – Solätte 2015

  1. Eva sagt:

    Sehe ich da etwa ein blau-weißes Ringelshirt zwischen den ganzen Trachten? ;-)
    Mit der Sonnenwende hat das Fest aber nichts zu tun, oder? Ich wünschte manchmal, hier gäbe es auch noch solchen Zusammenhalt…
    Liebe Grüße,
    Eva

    • admin sagt:

      Ich weiß schon, ein Du entdeckt hast – und das nicht nur einmal. Stolz präsentiert sie auch den Käsekuchen.
      Liebe Grüße Gerd

  2. Deswegen habe ich dich innerlich als Schweizer verbucht, weil du immer so tolle Fotos von Schweizer Festen zeigst.
    Der Blumenschmuck ist ein Traum!

    • admin sagt:

      Dann ist die Verwechslung nicht verwunderlich. Ich bin Urwestfale aus dem Münsterland. Das sind die, die man erst nach einigen Jahren Nachbarschaft (und darunter verstehen wir in der Regel 3 Generationen) und mehreren Sack gemeinsam verbrauchten Salzes hinter dem Schutz ihrer Wallhecken vorlocken kann. Aber nun lebe ich fast 40 Jahre im Grenzgebiet zur oder in der Schweiz. Aber im Herzen … – ach was, das findest Du alles auf der Seite über mich

      Liebe Grüße
      Gerd

  3. Ein super Beitrag mit wundervollen Fotos, sag mal liebe Grüsse an die Dame im blau-weissen-Shirt ;-)

  4. Basler Dybli sagt:

    Ich habe schon von diesem Burgdorfer Fest gelesen. Deine sehr guten Bilder davon überstrahlen jedoch alles Geschriebene. Kompliment !
    Ich bitte dich ebenso meine besten Grüsse an die Dame mit dem leckeren Käsekuchen auszurichten, danke.

  5. Arabella sagt:

    Mir geht das Herz auf, wenn ich die fröhlich-stolzen,jungen Menschen sehe.
    Vom Blumenschmuck mit Kamille und Frauenmantel bis zum verlockenden Erdbeerkuchen ein rundum schöner Beitrag.
    Meine lieben Grüße, Ute

  6. Roman sagt:

    Guten Tag

    Erstmals Kompliment für den netten Beitrag über die Solätte in Burgdorf, bald ist es wieder so weit.
    Ich komme selber aus Burgdorf und bin gerade daran eine Homepage für ein lokales Büro zu erstellen. Aus diesem Grund bin ich auf der Suche nach passenden Bilder. Das letzte Bild mit dem Blick über Burgdorf gefällt mir sehr gut.

    Würden Sie dieses Bild allenfalls gegen ein Entgelt zur Verfügung stellen?

    Besten Dank und liebe Grüsse
    Roman

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