Toettchen

Gerichte mit Geschichten 3 – Kartoffelkeilchen mit Spirkel

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»Kleine Erkundungen der masurischen Seele« hat Siegfried Lenz seine Geschichten aus Suleyken genannt. In ihnen führt er uns in eine Zeit, die weit zurück liegt. Er führt uns in die Landschaft Masurens und zeichnet höchst skurriler Gestalten, beheimatet in der Gegend zwischen Suleyken und Schissomir: ein listiger Großvater namens Hamilkar Schaß, den weder Tod und Teufel noch der Rokitno-General Wawrila beim Lesen stören können, die füllige Tante Arafa, die unversehens ihren Geist aufgibt, der Gnurpel Kukielka und viele andere. Alle sind sie Lachudders: Leute, mit denen man es gut meint, obwohl man sie im Grunde für Schlingel hält. Ihre Sprache, umständlich, verschlagen und hintergründig, ist sogleich so bunt wie der Markt von Oletzko und so festgefügt wie ein Bauernhaus in Suleyken.

Auszug aus: „Die Geschichte vom angenehmen Begräbnis“. Es ist die Geschichte vom Tantchen Arafa, das auf einer Reise ins Polnische mit einem Fluch auf den Lippen verschied. Eine unangenehme Situation, wiewohl ein Todesfall und eine Beerdigung selten eine angenehme Begebenheit sind. Anders hier, immer wieder spielen Essen und Trinken – und später auch Tanz eine besondere Rolle.
Auf dem Heimweg mit dem toten Tantchen stellten die Brüder Urmoneit die Kutsche vor einem Wirtshaus ab und frühstückten:
„Hieben also ungeheuer drauflos, aßen Speck, Eier, Rauchfleisch, Kohlsuppe, Honig, Zwiebelkuchen und eingemachte Birnen, und außerdem tranken sie eine riesige Kanne Kaffee. Aßen beiläufig den halben Vormittag, und als sie hinausgingen …
Nun Pferde und Kutsche waren weg. Was macht man in solch einer Situation? Man sucht!
„Nachdem sie sich müde und hungrig gesucht hatten, gingen sie abermals ins Haus und aßen, und nach dem Essen lächelte Bogdan auch schon wieder…“
Schließlich laufen sie zu Fuß nach Suleyken und treffen als erstes den alten zahnlosen Knecht Glumskopp, der sich in seiner mümmelnden Art so vernhmen ließ:
„Ein Fest, hehehe, wir werden zu feiner haben ein Fest. Und es wird zu essen geben Hering in Schmand.“
„Wer hat“, sagte Bogdan, „anberaumt dieses Fest?“
„Das Fest“, mümmelte Glumskopp, „hat anberaumt das liebe Gottchen, hehehe. Er hat sterben lassen die Alte, und er wird, wie ich ihn kenne, sorgen für ein angenehmes Begräbnis.“

So begannen die Trauerfeierlichkeiten, gingen über in Tanz und es wurde wieder gegessen.
„So, und dann wurde gegessen. Was gegessen wurde? Ich brauch‘ nur von mir erzählen: obzwar jung und unmündig, verzehrte ich acht Spiegeleier mit fettem Speck, fünf Klopse, etwas vom Hasen, einen Entenhals, einen Teller Blutsauer mit Gekröse vom Huhn, einen Teller Fleck, ein halbes Schweineohr und einige Bratäpfel. Dazu aß ich gebackene Zwiebeln, einen gerösteten Fisch und am späten Abend ein paar Flusskrebse, die der alte Glumskopp gefangen hatte. Ich war, wie gesagt, jung und unmündig.“
„Was das Begräbnis betrifft, es zwischendurch auch stattgefunden.“

1926 wurde Siegfried Lenz in Lyck/Masuren geboren. Er gehört zu den meistgelesenen und großen deutschen Erzählern der Nachkriegszeit.
»Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen.« sagte einmal Siegfried Lenz. Mit einigen dieser Geschichten lässt er uns eine Landschaft mit wechselvoller Geschichte verstehen. Es ist eine Landschaft, die sich seit dem Mittelalter kaum verändert hat. Heute ist Masuren ein polnischer Nationalpark. In Europas letztem Flachland-Urwald finden jahrhundertealte Eichen, über 4.000 Pflanzenarten und Tiere wie Braunbären und Wisente ideale Lebensbedingungen. Diese ursprüngliche Landschaft prägt auch das übrige Masuren mit einem der größten Sumpfgebiete Europas und der masurischen Seenplatte.

Da die „Leckereien, wie sie bei Siegfried Lenz beschrieben werden, nicht unbedingt nachkochbar sind, – wobei ich Heringe in Schmand liebe – , stelle ich ein überliefertes typisches Rezept aus Masuren vor:

Kartoffelkeilchen mit Spirkel

keilchen
Kartoffelkeilchen sind grüne Klöße, Spirkel sind Zwiebeln und Speckwürfel

Zutaten
2,5 kg mehlig kochende Kartoffeln
1 Ei
ca. 70 g Mehl
Salz

600 g Schweinerücken
Senf, Salz und Pfeffer zum Würzen
ferner 1 Lorbeerblatt und zwei Nelken in das Bratenfett
100 g geräucherter Bauchspeck
1- 2 große Zwiebel feingeschnitten

Zubereitung
Von den Kartoffeln ca. 2 kg schälen und fein reiben. Danach in einem Leinentuch sehr gut ausgepresst, bis nur noch eine bröckelige Masse vorhanden ist.

Die restlichen Kartoffeln als Pellkartoffeln kochen und gut abkühlen lassen. Am Besten ist es, sie tags zuvor zu kochen. Sie werden gestampft und zu der rohen Kartoffelmasse hinzugegeben. Alles wird nun mit dem Ei, Mehl und etwas Salz vermischt. Schnell zu einem festen Teig verarbeiten und 30 Minuten ruhen lassen.
In einem Topf Salzwasser zum Kochen bringen; die Hitze runterschalten. Aus dem Teig einen Probekloß abstechen und in dem siedenden Wasser 10 Minuten ziehen, aber nicht kochen lassen. Ist der Kloß zu fest, zusätzlich Wasser an den Teig geben; ist er zu locker, mehr Mehl zugeben.
Aus dem Teig werden längliche, ovale Keilchen geformt, die etwa die Größe einer Hand haben. Im Salzwasser garen lassen. Wenn sie an die Oberfläche kommen, müssen sie noch weitere 15 Minuten ziehen. Dann herausnehmen, abtropfen lassen und warmstellen. (Nebeneinander auf eine Platte legen)
Den Schweinerücken mit Senf einreiben, würzen und braten, bis er knusprig ist. Den Braten warm stellen und einige Speckwürfel und die feingeschnittene Zwiebel in das Bratenfett geben. Mit etwas Mehl binden und mit Wasser ablöschen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und über die Keilchen geben.

Als Gemüsebeilage servierte Rotkohlrouladen, die ich demnächst beschreiben werde.

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7 Kommentare

  1. Diese leckeren Kartoffelkeilchen, die mich mit ihren Speckwürfelaugen anschauen, erinnern mich an die herrliche schlesische Küche meiner Oma, die zu Kartoffelklößen noch Sauerkraut und Wellwurst reichte. Schade, dass solche Gerichte heute kaum noch gekocht werden.

    • Ja, in der modernen Küche gehen leider die alten Rezepte, die eben auch Zeit und Können erforderten oft verloren. Ich versuche dagegen anzukochen.

  2. Den „Glumskopp“ kenne ich von meiner Oma, die zwar nicht aus Masuren, sondern aus Ostpreußen stammt, aber von dort auch (unfreiwillig) eine Menge Rezepte und Geschichten mit gebracht hat. Und sie kann fast so meisterlich erzählen wie Herr Lenz. ;-)
    Die Klöße kenne ich allerdings noch nicht, sehr spannend. Ich liebe Kugeln aller Art und Größe und werde sie bald nachrollen.
    Und dein Schweinchen? Seufz, himmlisch, da kommen meine mageren Streifchen nicht mit… :-)

    • Ein fettes Schwein ist zwar nicht gesund – aber was ist schon wirklich gesund. Mein Urgroßvater, den ich noch sehr gut kannte, züchtete Pferde und Schweine. Er hat nicht nur den Satz geprägt, dass ein Korn so klar wie das Wort Gottes sei und somit einen Gottesdienstbesuch ersetzt. Nein, er sagte auch immer, dass die Schweine mit dem Bauch im Dreck hängen müssen.
      Er hat Zeit seines Lebens fette Schweine gegessen und wure 98 Jahre alt (wie fast alle in meiner Familie).

  3. Ich mag Deine Gerichte mit Geschichten und diese Kartoffelkeilchen muss ich unbedingt Monsieur zeigen.

  4. «Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen»… schrieb Siegfried Lenz.

    Du auch! Und ich ebenso! Dafür liebe ich Dich und den Lenz und das Essen mit Geschichten und überhaupt… :-)

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