Toettchen

Fasnetsküchle – oder die Kehrseite der schwäbisch-alemannischen Fasnet

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Im Schwäbisch-alemannischen Raum ist die Fasnet zu Ende gegangen. Dort lebe ich seit vielen Jahren, und gehe, seit die Kinder größer sind, auch seit vielen Jahren nicht mehr zur Fasnet.
Jedes Wochenende bis zum Aschermittwoch sind irgendwo Veranstaltungen, Fasnachtsläufe oder „Narrensprünge“! Ursprünglich dachte ich, das ist die Zeit im Jahr, in der man Narr sein darf, da tanzt man aus der Reihe oder ist mal ein ganz Anderer. Nein, nein, das war ein Trugschluß.
Angepasst muss man sein. Man muss immer mit der Masse laufen! Nicht aus der Reihe tanzen, sonst kommen die Ordnungskräfte wie die Villinger Schandle und schubsen diesen „Narr“ wieder zurück. Und das von 5 Uhr früh bis spät in die Nacht.
inzigkofen_bruck-deifel
Die Fasnet soll uns nicht mehr aus dem täglich Einklang herausholen, hier lernen wir nicht mehr unsere Nachbarn von seiner anderen Seite kennen, die er jetzt zeigen könnte. Hier lernen wir auch nicht die Dörfer und Städte kennen, die solch einen Fasnetslauf oder Narrensprung organisieren. Denn hunderte Fasnetler oder Narren bewegen sich im Einklang durch die Straßen. Man steigt aus dem Bus und steigt wieder ein – mehr Zeit hat man nicht, am nächsten Tag oder eventuell sogar drei Tage Pause, dann geht es weiter, beim nächsten Narrensprung. Die Masken der einzelnen Vereine sind weitgehend identisch. Vielleicht kommen sie gar aus Owingen im Hegau, oder sind mit Fräsmaschinen in Bayern oder Südtirol gefertigt. Hier ist man noch angepasster, als mit dem grauen Anzug und der Krawatte am Arbeitsplatz. Und vor allem herrscht Disziplin. Manchmal herrscht die auch nicht, dann schlagen zum Beispiel die Hexen anonym unter der Maske über die Stränge. Das steht dann in der Zeitung, neben den Berichten, wie närrisch alles war. Ansonsten ist das eine ernste Angelegenheit und keiner vergisst auf die Tradition hinzuweisen. Vor zwei Jahren habe ich in der Mitteilung einer Zunft gelesen, dass sie sich ein „traditionelles“ Narrenlied zugelegt hat. Wohlgemerkt: neuer Text und neue Melodie und schon traditionell.
Manchmal geht es auch recht närrisch zu. Da fällen Burschen aus dem Nachbarort den Narrenbaum und transportieren ihn ab, oder er bleibt liegen, wie dieses Jahr in Lahr. Und wie schrieb die Badische Zeitung: „Da sind die Narren sauer. Aber sie wollen auf eine Anzeige verzichten!“ Oder ein Bürgermeister von der Höri, der den Saal erbost verlässt, als beim Narrenspiegel auf der Bühne der Refrain eines alten Schlagers ertönt. „Du hast mich hundertmal belogen …“. Und anschließend sagt er auch noch, dass er sich betroffen fühlt. Echt närrisch!
kniekuechle
Was ich an der schwäbisch-alemannischen Fasnet aber mag, das sind die Fasnetsküchle. Dann singen die Kinder: „Gar lustig ist die Fasenacht, wenn meine Mutter Küchle backt“. Da gibt es zum Beispiel die Ausgezogenen, auch Knieküchle genannt, bei denen der Teig tatsächlich über dem nackten Knie so lange gezogen wird, bis er in der Mitte ganz dünn ist. Ich beherrsche die Technik nicht und kaufe sie beim Bäcker. Schmecken tun sie wundervoll.
Böse Zungen sagen, das die Herstellung etwas mit der schwäbischen Sparsamkeit zu tun hat: Hauchdünner Teig kann unmöglich gefüllt werden!
Foto: Moros (Creative Commons)

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