Es liegt mir auf der Zunge

… so heißt ein Film über Clemens Wilmenrod, jenem Mann, dem man regelmäßig nachsagte, seine Rezepte seien Plagiate, der aber auch gleichzeitig ein „Strassenfeger“ war. Wenn er im Fernsehen kochte, saß „Frau“ vor dem Apparat.

wilmenrod_spiegelClemens Wilemrod war der erste deutsche Fernsehkoch, – ohne jemals Kochen gelernt zu haben. In der Nachkriegszeit, als alles neu war, begeisterte er deutsche Hausfrauen für „Neue“ Rezepte. Seine wahrscheinlich größte Erfindung war wahrscheinlich der „Toast Hawai“, den er aber – so böse Zungen – bei Hans Carl Adam abgeschaut haben soll. Hans Carl Adam war ebenfalls Fernsehkoch – er jedoch beim Bayerischen Rundfunk. In seiner Sendung „Bitte in zehn Minuten zu Tisch“ servierte Wilmenrod so aufregende Sachen, wie ein italienisches Omelett. Heute geht das als Fritatta durch. Nur 1953 war die deutsche Vorstellung vom italienischen Essen auf Spaghetti beschränkt.

Warum schreibe ich das eigentlich? Immer wieder lese ich in diversen Blogs „Das Rezept hat der oder diejenige aus dieser oder jener Zeitschrift abgeschrieben“. Das kann ja auch mal der Fall sein, aber wieso eigentlich. Ja glaubt denn die Menschheit, die Redakteure dieser vermeintlichen Kochzeitschriften seien geniale Erfinder. Sie sind meist so wenig vom Fach wie es Clemens Wilmenrod war. Denn das muss man auch gar nicht sein, wenn man Kochen und Essen liebt. Es gibt so gut wie Nichts, was nicht schon einmal so zubereitet wurde.

Erst gestern hatte ich ein Gespräch über die Regionalität eines Gerichtes. Da ging es um „Kartoffelreibekuchen“. Ich hatte mir schon einmal vorgenommen, eine Landkarte dieser Köstlichkeit zu erstellen, nachdem sie mir quer durch Deutschland – zugegeben in Variationen, die sich aber manchmal nicht mehr unterscheiden ließen – als typische regionale Spezialität angeboten wurden. Ein Rezept ist oft ein und dieselbe Geschichte mit vielen Namen.

Ich koche nun seit mehr als 50 Jahren. In all diesen Jahren habe ich den Aufstieg und das Verschwinden von „Starköchen“ miterlebt. Ich habe gehört und gelesen, welch unvergleichliche Ideen sie hatten. In jungen Jahren hatte mich auch oft selbst für den ein oder anderen begeistert und später gelernt, dass es da alles schon einmal gegeben hat. Jemanden, der fünf Kochbücher im Jahr publiziert, und das alles aus seiner Genialität schöpft, der hat auch viel gesehen und gelesen und dieses Wissen neu geordnet und vergessen, woher das eigentlich hatte.

escoffierIm Übrigen bin ich der Meinung, dass es seit Escoffier nichts Neues mehr in der Küche gegeben hat, wenn man wie ich solche Auswüchse wie die Molekularküche nicht für Kochen, sondern für Chemie hält. Wer die Klassiker liest und etwas Fantasie hat, hat einen reichen Schatz des Küchenwissens.

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2 Gedanken zu „Es liegt mir auf der Zunge

  1. Du hast den Wilmenrod ausgegraben. :-)
    Ich weiß allerdings nicht, ob ich 100%ig zustimme. Sicher war schon fast alles einmal da, aber vielleicht nicht in jeder Zusammensetzung. Deshalb bleibt es immer spannend. Und David Chang z. B. macht schon ziemlich wilde Sachen…

  2. Es gibt meiner Meinung nach zwei Aspekte:
    1. Wenn man ein Rezept 1:1 von irgendwo nachkocht und 1:1 im Blog veröffentlicht, ist es nicht mehr als recht, dass man dazu schreibt, woher man das Rezept hat. Das hat etwas mit Anstand zu tun.
    2. Kein halbwegs vernünftiger Mensch glaubt, dass die Rezepte in Kochzeitschriften oder auch in Büchern Neuerfindungen sind. Alles ist schon dagewesen, aber wie Eva auch schreibt, es gibt Variationen und neue Zusammensetzungen – und das macht es spannend.

    Wenn ich eine Rösti verblogge, dann erhebe ich ja nicht den Anspruch, die Rösti erfunden zu haben. Aber wenn ein Koch ein Kochbuch rausgibt und da drin eine Rösti mit – machen wir es mal ganz abartig – Austern und Blaukraut kredenzt *schüttel* und ich dieses Unding irgendwann mal nachkoche und verblogge, dann schreibe ich, aus welchem Buch ich das Rezept habe. Das bedeutet ja nicht, dass ich denke, dass der besagte Koch die Rösti per se erfunden hat. Aber die Kombi mit Austern und Blaukraut ist auf seinem Mist gewachsen – aber ehrlich gesagt, dafür müsste man ihn dann fast ein bisschen «chläpfen» ;-)

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